Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V.
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Erster Reisebericht aus Bucov: Ein Überblick über die Situation im Hundelager

So viele freundliche Junghunde, die dem Lagerleben so gerne entfliehen würden.So viele freundliche Junghunde, die dem Lagerleben so gerne entfliehen würden.31. Juli 2017

Seit wenigen Tagen ist unsere 1. Vorsitzende Sandra Gulla zum bereits vierten Mal für zwei Wochen im rumänischen Ploiesti. Wie die Jahre zuvor wird sie die Tierschützerinnen im Hundelager Bucov tatkräftig unterstützen und uns nach Kräften von ihren Erlebnissen und Beobachtungen berichten.

1. Tag

Der Flieger war voll, großartig! Das heißt hoffentlich, dass es bei den Direktflügen zwischen Hamburg und Bukarest bleibt, eine erhebliche Erleichterung schon seit letztem Jahr. Die Flugzeit betrug zweieinhalb Stunden und da sag einer, es gäbe keine Entwicklung: veganes Essen bei der rumänischen Fluglinie Tarom. Da mache ich dann auch schon mal ein wenig Werbung. Man muss das vegetarische Essen ohne Eier und Milch bestellen, dann isst man vegan. Und mir war der winzige, aber schmackhafte Obstsalat allemal lieber als der Mini-Softcake im „normalen“ Menü.

Aniela Ghita war so lieb mich zusammen mit einem Fahrer vom Flughafen abzuholen, obwohl sie heute einen Transport abwickeln musste. Um 16 Uhr konnte wieder ein ProDogRomania-Transport etliche Hunde in eine gute Zukunft fahren. Wir brauchten nur wenige Minuten, um wieder voll drin zu sein in den Themen, die nun die nächsten zwei Wochen meine Welt sein werden. Ich war müde im Flieger und fragte mich, ob so ein richtiger Urlaub nicht klüger gewesen wäre. Schon auf der Fahrt von Bukarest nach Ploiesti kam mir der Gedanke fremd vor.

Wir sprachen darüber, dass eine meiner wichtigsten Aufgaben die Überarbeitung des Lageplans von Bucov sein wird und die Ermittlung der fehlenden Kennel-Schilder. Die Schilder müssen dann gefertigt werden und ich habe das Ziel sie auch noch alle hängen zu sehen. Vielleicht ist es nicht sofort verständlich, warum ich dies für eine meiner wichtigsten Aufgaben halte. Aber wenn man sich vorstellt, in einem Lager mit wohl zumindest 1.800 Hunden einen Hund zur Ausreise suchen zu müssen und die Beschreibung seines Aufenthaltsortes lautet „der dritte Kennel rechts von den Pferden“, dann versteht man bestimmt, warum solche Aufgaben wichtig sind. Es würde wohl nicht mehr sehr lange dauern und die Situation wäre wieder wie in 2014, als es nur sehr rudimentäre Beschilderungen gab.

Ich erfuhr von Aniela, dass meine mit dem letzten Transport vorgeschickten Verpflegungskartons im Bürohaus des Hundelagers standen. Da neben Zahnpasta und Seife auch mein Frühstück dort verpackt war, ging es dann direkt ins Hundelager. Etwas absurd stand ich also bereits heute Abend in weißer Hose im Dunklen auf dem großen Vorplatz und wurde von etlichen „free-in-the-yard“-Hunden teils freudig begrüßt, teils wichtig verbellt. Vielleicht hab ich schon den ersten nächsten Hamburger Jung kennengelernt: Ein zarter heller Rüde nahm sich alle Aufmerksamkeit, die er bekommen konnte, stolzierte neben mir her und verstand es, die anderen von seiner „Errungenschaft“ abzuhalten.

Zu meiner allergrößten Überraschung erfuhr ich, dass Mihaela Teodoru nun ein Büro im Lager hat. Sie wird mich morgen früh abholen und ich werde ihr meine große Freude über diese Entwicklung, die ihr die Arbeit sicher ganz praktisch erleichtert, mitteilen.

Das Hundelager ist keine Tierschutzeinrichtung, noch ganz lange nicht. Aber die rumänischen Tierschützerinnen haben nicht nur den Fuß in der Tür, sondern dort schon einen eigenen Stuhl und das ist ein gutes Zeichen. Und sicher ist das auch ein Erfolg der beharrlich auf Kooperation setzenden Arbeit von ProDogRomania.

Ich erwarte aber auch keine Wunder, die gibt es eigentlich in keinem Tierschutzthema, nirgendwo. Immer sind es hart erarbeitete Fortschritte mit vielen Rückschlägen, die es zu verkraften gilt. Aber wie immer ist mein Credo, nichts, aber auch gar nichts wird besser, wenn wir es nicht versuchen und wenn wir im ersten Anlauf scheitern, dann nehmen wir den nächsten und den nächsten und den nächsten und dann schaffen wir etwas, das besser ist als das, was war.

Mein besonderer Dank geht von hier an die Personen, die bei mir zuhause meine Tiere einhüten. Ohne Euch ginge das hier gar nicht!

2. Tag

Den heutigen ersten Tag im Hundelager habe ich vor allem genutzt, um mir wieder einen Überblick zu verschaffen. Gar nicht so einfach, aber dennoch ein Versuch:
In allen Kenneln war Wasser auch in der hintersten Ecke vorhanden, es wurde auch über Tag mit System nachgefüllt. Heute war es mit um die 35 Grad bei stetigem Wind gut zu ertragen, aber die Temperaturen werden wohl ansteigen und dann ist Wasser für die Hunde – gerade bei der Fütterung mit Trockenfutter – das wichtigste Gut. Aber auch Futter wurde umfassend verteilt. Okay, ausgerechnet im Kennel, in dem auch der alte Kerl lebt, wurde kein neues Futter ausgeteilt, in dem Futtertrog lag noch viel altes, leider schon verschimmelt, was man sah, wenn man genauer schaute. Aber dafür war ja ich jetzt da: Zusammen mit einem Arbeiter habe ich den Trog außerhalb des Kennels geleert, gereinigt und dann mit frischem Trockenfutter befüllt. Und es hat dem alten Kerl geschmeckt, die anderen Hunde in seinem Kennel verstecken sich bisher alle, wenn ich hineinkomme. Bestimmt haben sie später gegessen.

Dass die Futterverteilung aus meiner Sicht doch recht ordentlich war, liegt wohl auch an dem neuen Futterfahrzeug. Nun müssen die Arbeiter nicht mehr die schweren Futterkarren mit Muskelkraft über das Gelände ziehen. Sicher eine gute Investition der Verwaltung. Nach wie vor sind die verschiedenen Hundewagen in stetigem Gebrauch, sie haben sich mehr als bewährt und sie sind auch richtig robust, denn noch funktionieren sie mit kleinen Behelfsreparaturen einwandfrei. Es werden immer wieder solche Hilfsmittel sein, die die Versorgung der Hunde verbessern, die die Arbeiter entlasten und deren Nutzen sie einsehen.

Apropos Arbeiter: Nach meinem Dafürhalten waren für einen Wochenendtag viele Arbeiter vor Ort, etliche neue Arbeiter. In den nächsten zwei Wochen werde ich mir ein Bild machen können, ob das auch zu Verbesserungen für die Haltung der Hunde führt.

Wir Tierschützer dürfen noch freier als bisher im Hundelager agieren bis hin dazu, dass wir bleiben können, solange wir wollen. Ich war dennoch froh, dass wir um 16 Uhr den heutigen Arbeitstag vor Ort beendet haben, muss ich mich an das schöne Wetter (kennt man in Hamburg kaum noch) und die körperliche Arbeit doch erst wieder gewöhnen.

Den Überblick aber kaum erlaubt haben die vielen neuen Kennel und damit einhergehend eine deutlich angestiegene Anzahl von Hunden. Vor allem die unendlichen Mengen an Welpen und Junghunden haben mich traurig gestimmt.

Aus dem Tötungslager Campina sind in den letzten Monaten an die 300 Hunde ins Hundelager Bucov umgesiedelt worden, um dort der systematischen Tötung zu entgehen. Ein noch sehr fremder Gedanke, dass nun Bucov schon Zufluchtsort sein soll. Aber so ist es ja und so habe ich es immer beschrieben: Es gibt schlimmere Orte als Bucov.

Der Bau immer neuer Kennel, sie sind oftmals nur vier Quadratmeter groß, und die immer weitere Unterteilung der vorhandenen Kennel haben die Haltungsbedingungen im Vergleich zu den Vorjahren eindeutig verschlechtert, das kann ich jetzt schon feststellen. Den stattlichen Palermo, den ich bereits aus 2014 kenne, habe ich wiedergesehen. Er ist auf den ersten Blick gut drauf, aber wenn ich erinnere, über welches große „Anwesen“ er im ersten Jahr herrschen durfte, und ich sehe, wie wenig Raum ihm durch die stetigen Unterteilungen geblieben ist, stimmt mich das schon sehr nachdenklich. Selbst das im letzten Jahr vom Bautrupp errichtete Heulager ist nun ein Kennel. Die im Frühjahr errichteten Dächer sind hingegen ein guter Anblick, selbst die Kunststoffbanner, die als Schattenspender dienen, sind noch weitgehend funktionsfähig.

Nach meiner ersten Einschätzung sind lange nicht mehr die früheren „Death Kennels“ oder die Vet-Kennel die scheußlichsten Orte im Lager, es sind die überfüllten Junghunde- und Welpen-Kennel. Die fehlende oder mangelhafte Reinigung machen sie zu einem nicht erträglichen Lebensraum, vielleicht besser Nichtlebensraum.

Ein wirklich mutmachender Anblick sind die zwei Pferde und ein Fohlen, die im Lager Aufnahme und Lebensrettung erfahren durften. Die meisten Pferde, die man hier sieht, sind in einem erbärmlichen Zustand und so stimmt es mich versöhnlich mit Bucov, dass diese drei nun gut versorgt werden.

Und es sind die so reizenden, niedlichen und liebevollen Hunde eines jeden Alters und wirklich jeder Gestalt, die mich durch den ersten Tag tragen.

Bitte fragen Sie nicht nach, welche Welpen oder Junghunde auf den Bildern abgebildet sind. Ich weiß es nicht und wer von ihnen überlebt und ausreisefähig ist oder werden könnte, weiß ich auch nicht. Und ich werde keine Zeit damit verbringen, es herauszufinden. Denn eines ist für mich nach den Jahren sonnenklar: Es kommt nicht darauf an, welchen Hund wir hier rausholen, es ist nur wichtig, dass wir es tun und zwar in dem Umfang, in dem wir dazu in der Lage sind. Und in der Lage sind und bleiben wir, wenn wir Hunde aufnehmen, für die wir in aller Regel auch in angemessenem Zeitraum Adoptanten finden.

Und nein, diese Hunde nehmen keinen anderen Hunden die Plätze in unserem Tierheim weg. Sehr wohl nimmt aber jeder mit Absicht produzierte Hund, der verkauft und gekauft wird, einem der hiesigen Hunde oder einem anderen in den vielen Hundelagern und Tötungsstationen Europas die Chance auf ein Überleben.

3. Tag

Mit Unterstützung von Stephan, einem Tierschützer aus Deutschland, der bereits mehrfach im Hundelager geholfen hat, habe ich mit der Überarbeitung des Lagerplans begonnen. Heute Abend muss ich unsere Erkenntnisse ordentlich zu Papier bringen, da bleibt keine Zeit für einen Bericht. Aber bedanken möchte ich mich für die vielen guten Wünsche, die mich direkt oder auch über die Tierschutzvereine erreicht haben. Ich fühle mich unterstützt durch das aufrichtige Interesse an meinem Wirken und an dem Schicksal der rumänischen Hunde! Ich habe es vor meiner Abreise nicht immer geschafft zu antworten, aber ich weiß ja, Ihr lest mit. :-)

So, ab morgen (Montag) sind wir lange Tage im Lager. Ich berichte wieder, wenn die Kraft dafür da ist.
 

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