Das nächste, was die angstgeweiteten Augen dieses Rindes sehen, ist der Schlachthof. Fotos: Animals Angels e.V.Das nächste, was die angstgeweiteten Augen dieses Rindes sehen, ist der Schlachthof. Fotos: Animals Angels e.V.16. Februar 2016

Wöchentlich versendet die Tierschutzorganisation Animals Angels einen Newsletter an Interessierte. Der aktuelle, sehr persönliche Text von Vereinsgründerin Christa Blanke über ihre Gedanken zum industrialisierten Töten hat uns besonders bewegt, weshalb wir ihn hier veröffentlichen.

Liebe Freunde und Förderer,

am vergangenen Freitag saß ich um 5.30 Uhr früh im Auto vor einem Schlachthof und beobachtete die sogenannte „Anlieferung“. Es war stockdunkel und ziemlich kalt. In der Warteschlange standen drei mittelgroße LKW, zwei Traktoren mit großen Anhängern, ein Traktor mit kleinem Anhänger und ein großer LKW. Im grellen Scheinwerferlicht wurden Rinder und Schweine ausgeladen. Es ging völlig unaufgeregt und ganz ruhig zu. Niemand schrie. Kein Tier wurde geschlagen. Ab und zu quiekte ein Schwein. Die Rinder sagten gar nichts. Die Tiere gingen langsam die Rampe hoch und durch die offene Tür in das Gebäude. Aus der erleuchteten Halle des Schlachthofes drang das Rattern von Maschinen und das Geräusch von Motoren. Um 9.30 Uhr war die „Anlieferung“ beendet. Keine besonderen Vorkommnisse.

Ich saß in meinem Auto und mir war eiskalt, innerlich und äußerlich. Das ist die „Normalität“ in Deutschland. Das ist legal in Deutschland. Das ist was die deutsche Bevölkerung mehrheitlich will. Es soll anständig zugehen beim Töten von Tieren. Anständig und so wie es die Regeln vorschreiben. Damit jeder beruhigt sein Steak und sein Schnitzel essen kann.
 

Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht für 2015 folgende Zahlen für in deutschen Schlachthöfen getötete Tiere:
 

3.518.000     59.292.000     659.092.000      1.025.600               56.589.000
Rinder          Schweine        Hühner             Schafe & Ziegen     Puten, Enten & Gänse

Diese Zahlen können wir nicht mehr wirklich verstehen, weil wir uns das nicht vorstellen können. Deshalb bin ich nach langer Zeit wieder zu einem kleinen Schlachthof gefahren, der nicht bewacht wird wie ein Hochsicherheitstrakt, wo ich noch etwas sehen und hören konnte von den Tieren. Hier wurde das Leid für mich wieder erfahrbar, im Herzen und nicht im Kopf.

Die sogenannte „Fleischerzeugung“ in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 kontinuierlich gestiegen. Bei Geflügel um 100%, bei Schweinen um 42%. In 2015 verzeichneten die deutschen Schlachthäuser einen Schlachtrekord. Fleisch, das nicht in Deutschland verkauft werden kann, wird ins Ausland exportiert. Tiere aus Belgien und Frankreich werden zum Schlachten nach Deutschland gebracht, weil ihre Ermordung hier stärker industrialisiert und daher kostengünstiger ist. Im Jahr 2015 wurden in deutschen Schlachthäusern 779 Millionen 516.600 Tiere getötet. Wie viele davon waren nicht oder nur unzureichend betäubt? Wie viele davon waren transportunfähig? Wie viele davon hatten keinen einzigen schmerzfreien Tag in ihrem ganzen Leben? Wir werden es nicht erfahren. Darüber gibt es keine Statistik im zuständigen Bundesamt.

Das Töten von fast 780 Millionen Tieren in einem Jahr ist in Deutschland legal. Das ist was die deutsche Bevölkerung mehrheitlich will. Während im Internet ein virtueller Vegetarismus gefeiert wird und vegetarische Kochbücher gefragt sind wie nie zuvor, halten Landwirtschaft und Schlachthöfe einen noch nie dagewesenen Fleisch-Rekord. Wie verlogen ist das? Und wie traurig.

Immer mehr Kindergärten in Deutschland nehmen Schweinefleisch vom Speiseplan der Kleinen, weil muslimische Eltern sich beschweren. Es geht also. Man kann individuelle Lebensmittel-Interessen durchsetzen. Aber eben nur dann, wenn es unter keinen Umständen um die Tiere selbst geht. Religion, kulturelle Vielfalt, Willkommenskultur - darüber lässt sich reden, auch im Zusammenhang mit Essen. Der millionenfache Mord an Tieren ist kein Thema. Tiere haben nach wie vor keine effiziente Lobby in Deutschland. Sie haben nur uns: Sie, die Sie diesen Newsletter lesen und mich. Deshalb dürfen wir nicht aufgeben. Und das allerwenigste, was wir tun können, ist, dass wir sie nicht vergessen. Damit ich sie nicht vergesse, deshalb habe ich in Kälte und Dunkelheit vor dem Schlachthof gesessen. Das ist meine Weise gegen das Vergessen anzugehen. Was können Sie tun? Besuchen Sie www.animalmemorial.orgund schenken Sie 10 Minuten Ihrer Zeit den Tieren dort. Solange wir uns an sie erinnern, solange jemand ihre Fotos mit den Augen der Liebe sieht, bleiben sie lebendig – in unseren Herzen und durch unsere Liebe.

Herzliche Grüße und gute Wünsche!
Ihre
Christa Blanke

Die Autorin dieses Newsletters ist Gründerin des Vereins Animals Angels e. V. und Projektleiterin für die Bereiche Ethik, Tierschutz in der Gesellschaft und Tierschutztiere.