Rumänische Hundelager im Winter - Bucov im Schnee

"Werde ich schon bald gerettet?""Werde ich schon bald gerettet?"Am dritten Tag habe ich aus den mittlerweile unzählbaren Hunden, die in meinem Kopf schwirren, die zwölf Hunde ausgesucht, die in der nächsten Woche in den HTV kommen können, und einen weiteren, der zu meinem kleinen Auslandstierschutzverein geht und auf einer Pflegestelle in sein neues Leben starten darf. Ich freue mich für jeden von ihnen und hoffe inständig, dass ihnen jetzt nichts Schlimmes mehr zustößt.

Es ist hart, anderen innerlich zu sagen: "Ihr vielleicht beim nächsten Mal."

Es werden weiterhin von den Arbeitern Kennel grundgereinigt. Also nicht so wie die sprichwörtliche deutsche Hausfrau es tun würde, aber insgesamt für rumänische Männer ein schon vorzeigbares Ergebnis.

Ich mache das Übliche: Stroh verteilen, Probleme lösen, helfende Hand sein, die dünne AmStaff-Hündin füttern und und und. Ab frühem Nachmittag merkte ich, da kommt 'was ...

4. Tag

 - mit Temperatur, Schüttelfrost und Halsschmerzen im Hotelbett verbracht, rumänischen Kräutertee und Bronchialsirup im Wechsel genossen. Meine Aufenthalte hier waren bisher immer zwischen 10 und 14 Tagen lang und ich habe es nie geschafft, die ganze Zeit durchzuarbeiten. Die körperliche und mentale Belastung zwingt mich immer in eine Pause. Da ich das weiß, habe ich mich auch nicht so sehr geärgert.

5. Tag

Verschneites Hundelager Bucov.Verschneites Hundelager Bucov.Über Nacht circa zwölf Zentimeter Neuschnee. Ich bin unsicher, was mich im Lager erwartet. Zur Begrüßung ein über Nacht in den Vetkenneln draußen verstorbener Chow-Chow. Der Schnee gibt dem Lager dennoch einen freundlichen Anstrich. Der Kot ist überdeckt. Nur in den komplett überdachten Kenneln ist der Zustand jetzt besonders schlecht: Der Schnee schickt seine Nässe auch dorthin, aber eben nicht seine hilfreiche Wirkung. Hunde mögen zumeist Schnee, ist hier nicht anders: Manche spielen damit, manche wälzen sich mit Inbrunst. Es geht kaum Wind, alles in allem eine gute Witterung, stelle ich fest. Für die Hunde und auch für mich. Wenn der Schnee taut, wird es allerdings heftig für die Hunde werden.

Vet Catalina bittet mich nach einer Hündin zu schauen, die für den nächsten Trapo einen Ausreiseplatz hat, die sie aber nicht findet. Ich finde die junge hübsche Hündin: Sie liegt in einer Hütte und krampft leicht. Vet Catalina behandelt sie und wir legen sie in einen Käfig im Container. Keine äußeren Verletzungen. Wir schauen uns in die Augen und versichern uns gegenseitig, sie wird genesen bis zum Transport, und hoffen ganz fest darauf. Als ich eine Stunde später wieder nach ihr schaue, ist sie tot. Ich notiere die Ohrmarke und lasse sie ins Kühlhaus bringen. Gerechtigkeit gibt es nicht, Schicksal auch nicht. Es ist einfach, wie es ist. In all den Jahren im Tierschutz ist mir die Trauer um tote Tiere gänzlich abhandengekommen. Ich brauche meine Kraft für die Lebenden: Mit ihnen leide ich, für sie strenge ich mich an, so sehr ich nur kann. Auf der Regenbogenbrücke müsste ständig massiver Stau sein, wenn sie nicht nur für Hunde und Katzen, sondern für alle Tiere da ist. Ein Blick auf die Schlachtzahlen in Deutschland zeigt schnell: Es gibt kein „run free“.

Also kurzer Spaziergang mit Janu – von mir benannt nach dem Januar, denn er hätte den Februar hier nicht mehr erlebt. Er ist einer der zwölf HTV-Hunde. Er ist jetzt in einem Käfig untergebracht. Ihm würde ich gerne erklären können, warum ich nach dem Wochenende nicht mehr da sein werde und dass er einfach weiter kämpfen muss, bis wir uns in Hamburg wiedersehen.

Er schaut mich an als wollte er sagen: "Mach' Dir keinen Kopf, ich bin doch jetzt bei Dir."

Aniela verteilt Futter.Aniela verteilt Futter.Dann bringen Lieferwagen Spenden von Supermärkten. Für die Supermärkte eine gute Sache: Sie brauchen die tierlichen Lebensmittel nicht entsorgen, bekommen stattdessen sogar eine Spendenquittung. Es sind Massen von guten Fleisch-, Wurst- und Milchprodukten – wenige Tage abgelaufen, völlig in Ordnung. Ich stehe zwischen diesen Leichenbergen aus Schwein, Rind, Huhn und was weiß ich noch. Es ist der „besondere“ Abfall der Feiertage: Man musste es sich doch gutgehen lassen zum Fest der Liebe mit besonders viel Fleisch und da haben die Supermärkte wohl ordentlich aufgerüstet. Die Tiere sind nicht für die Hunde in Bucov gestorben, sondern für die menschliche Gier und Gefräßigkeit. Ich werde den Rest des Tages die noch lebenden Elendsgestalten mit den toten Elendsgestalten füttern. Ich fülle Kiste um Kiste mit Junghundemischung: Käse, Sülze, mildgeräuchertem Fleisch, Eimer mit Hühnchenwurst für die Kranken und Kleinen in den Vetcontainern, Kisten mit Würsten für die Erwachsenen. Stunde um Stunde. Aniela verteilt, ihr Mitarbeiter Alex und später auch Tierschützerin Elena helfen mit. Vet Irina versorgt ihre Patienten wie den alten Husky, der auf Menschen eigentlich gut und gerne verzichten kann, auch mit extra Portionen. Beim Füttern in den Kenneln muss man schnell genug verteilen, damit keine Kämpfe entstehen, und dabeibleiben, bis der letzte Rest aufgegessen ist. Trotz allem eine anrührende Arbeit. Der Gedanke an (zusammen mit dem Trockenfutter, das gleich morgens verteilt wurde) volle Bäuche und die willkommene Abwechslung tut gut. Und jeder der Hunde in einem Kennel steht auf und möchte etwas haben und bekommt 'was. Gerade für die Hauthunde, die der Witterung nicht viel entgegenzusetzen haben, ist das eine richtig gute Sache. Auch unter den "free in the yard"-Hunden spricht sich unsere Aktivität rum und sie bekommen auch Futterlieferungen.

Das Traurige nur: Die Arbeiter würden diese Arbeit niemals machen, selbst wenn sie Zeit hätten. Die Plastikverpackungen entfernen, die Holzstäbchen aus den Würsten ziehen und portionieren, sodass kein großer Kampf um ein Stück entstehen kann. Sich ruhig zu den Hunden stellen bei der Fütterung und Konflikte gar nicht erst aufkommen lassen. "Na ja, aber die Arbeitsmoral ist auch nicht nur in Rumänien schlecht, auch bei uns gibt es so 'ne und solche", denke ich mir und schneide fröhlich weiter für die Junghundekennel Stückchen um Stückchen zurecht.

Die junge Mutter und ihre Welpen sind hungrig.Die junge Mutter und ihre Welpen sind hungrig.Es gibt hier jeden Tag Einzelschicksale, die betroffen machen – heute mich besonders die Mutterhündin, die die Hundefänger mit Betäubungsmittel abgeschossen habe und die nun ständig wackelnd mit ihren zwei ganz jungen Welpen in einer Hütte liegt und versucht auf die Beine zukommen. Es gelingt mir sie mit einer Futtermischung aus Welpentrockenfutter und Käse zu beruhigen. Sie fängt vorsichtig an zu essen und entspannt etwas, die Welpen trinken. Keine Ahnung, ob die danach auch ein bisschen betrunken sind.

Zwischendurch ist Direktor Sandu aufgetaucht – in Büroschuhen, was mich nicht hindert ihn zu einem kleinen Rundgang zu bewegen. Wir sprechen über die Reinigungssituation in den Kenneln (die Feiertage seien schuld, dass es so schlimm ausgesehen habe). Etwas bitter muss ich innerlich eingestehen, dass wir da auch so unsere Probleme im Hamburger Tierheim hatten. Andere Dimension, gleiche Situation. Der Lagerleiter, Mister Poenaru, wird zum Gespräch dazugeholt und muss Zusagen machen. Wir verständigen uns darauf, dass es unterschiedliche Reinigungszyklen für die Kennel geben muss: Welpen täglich, überfüllte Kennel alle drei Tage, große Kennel mit angemessener Hundezahl einmal die Woche. Ich schlage vor, es farblich im Bucov-Plan zu kennzeichnen. Derzeit ist die Arbeitsorganisation so, dass jeder Arbeiter seinen Bereich hat. Na ja, und manche sind gut und fleißig und manche eben nicht. Jedenfalls verspricht er mir, es wird besser ... 

Die inneren Vetkennel haben immerhin eine Heizung.Die inneren Vetkennel haben immerhin eine Heizung.Ich werde auf Verbesserungen wie die neue Heizung in den innenliegenden Vetkenneln aufmerksam gemacht. Ich zeige meine Anerkennung.

Wir sprechen über ausstehende Reparaturen, absolut dringend benötigte neue Liegebretter für die Vetkennel und die Verteilung der gelieferten Hundehäuser in die Kennel sowie den Umgang mit den Supermarktspenden. Ich werde ProDogRomania e.V. zu den Absprachen berichten und deren Bautrupp, der Ende Februar für ein paar Tage hier sein wird, kann kontrollieren, ob irgendwas davon umgesetzt wurde. Ich habe diese Kontrolle angekündigt.

Dann kommen noch die Hundefänger mit neuen Hunden: Zwei total freundliche Hunde, die der Eigentümer nicht mehr wollte und die dort abgeholt wurden. Jetzt sitzen sie mit anderen in einem Vetkennel draußen und sind fassungslos. Nein, sie haben nichts verbrochen, sie haben nichts falsch gemacht. Es ist einfach, wie es ist. Aber das kenne ich ja auch aus Hamburg. Andere Dimension, gleiche Situation.

Nun habe ich nur noch zwei Tage. Ich habe zugesagt, morgen eine Liste zu machen, in welche Kennel die Hundehütten zu verteilen sind. Alle Beteiligten haben mir wiederum zugesagt, meine Verteilung zu akzeptieren und die Verteilung dann in den nächsten zwei Wochen vorzunehmen. Danach werde ich mich weiter durch die Fleischberge schneiden. Messer habe ich dafür heute Abend jedenfalls schon mal gekauft.

Ihre Sandra Gulla

"Werden wir Euch jemals wiedersehen?""Werden wir Euch jemals wiedersehen?"Die Welpen sind auf viel mehr Hilfe angewiesen.Die Welpen sind auf viel mehr Hilfe angewiesen.

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