Abschlussbericht von Sandra Gullas Tierschutzreise

Das Hundelager Bucov liegt unter einer dichten Schneedecke.Das Hundelager Bucov liegt unter einer dichten Schneedecke.18. Januar 2019

6. Tag in Bucov

Dank Spenderinnen von meinem kleinen Tierschutzverein Mit Tieren leben konnte ich eine Reihe von verschiedenen hochwertigeren, dringend benötigten Werkzeugen kaufen. Und wir setzen Messer und Axt gleich bei der Fleischberge-Verarbeitung ein. Wir füttern aber auch warmen Brei für die Welpen: Milchpulver, Flocken und heißes Wasser machen Baby-Bäuchlein rund und warm. Aniela rührt Mengen davon an.


Vor der Fleischfütterung müssen die Hunde in den Zwingern unbedingt ausreichend Trockenfutter bekommen haben, sonst kann man die Kämpfe nicht unterbinden. Das Fleisch darf nur ein ‚Extra‘ sein. Und das Trockenfutter wird auch von den meisten gut angenommen, sogar von einem Hund, dem der größte Teil des Oberkiefers fehlt – ein gelassener, tapferer Kerl.

Rattenjagen ist ein großes und sehr nützliches Hobby der Hunde auf dem Gelände, auch in den Zwingern – und mir gefällt diese Art der Bestandsregulierung viel besser, als die doofen Giftköder, die auch immer mal wieder verteilt werden.

Einige ehrenamtliche Helferinnen kommen seit Jahren ins Hundlager Bucov, um den Tieren zu helfen.Einige ehrenamtliche Helferinnen kommen seit Jahren ins Hundlager Bucov, um den Tieren zu helfen.Am Wochenende kommen auch rumänische ehrenamtliche Helferinnen in das Lager, etliche von ihnen seit vielen Jahren. Nur selten in den Jahren hab ich  mal einen Mann gesehen, aber das ist ja weltweit im Tierschutz so, dass die Männer extrem unterrepräsentiert sind. Meist haben die Helferinnen sich einige Hunde oder einige Zwinger ausgesucht, in denen sie jedes Wochenende versuchen, für Ordnung zu sorgen und etwas Besonderes zu füttern. Das Lager ist so groß, die Menge an Hunden so unfassbar, dass ich verstehe, warum sie sich für die wenigen Stunden am Wochenende auf eine kleine Gruppe beschränken.

Den beiden Helferinnen vom Samstag ist es ein großes Bedürfnis, mir für alle Hilfe aus Deutschland zu danken: für das Futter, die Hundehäuser und die Adoptionen, die Tierärztinnen und die Medikamente, die Kastrationen und den Einsatz vor Ort. Ich erkläre ihnen, dass der Dank der Organisation ProDogRomania gebührt und ich ihn gerne überbringen werde. Sie sagen mir, dass schon lange nicht mehr so viel gereinigt wurde und es so erträglich war, wie derzeit – und das wäre nur so, weil ich vor Ort wäre. Das beschämt mich und macht mich traurig. Ich träume kurz wieder von dem Lottogewinn, der mir ermöglichen würde, nur noch für den Tierschutz zu arbeiten. Die Idee der beiden ist aber eine andere: Ich solle doch bitte Videokameras auf dem Gelände installieren und mich immer, wenn es dreckig ist, aus Deutschland melden und allen Beine machen. Eine köstliche Idee, die mich erheitert.

Für eine Weile in der Sonne liegen und sich wegträumen ...Für eine Weile in der Sonne liegen und sich wegträumen ...Es erheitert mich auch, dass die Hunde die Sonne genießen, so wie ich. Die klare Kälte mit keinem bis mäßigem Wind und Sonne dazu – das ist mein absolutes Wohlfühlwetter. Man behält trotz allem einen sprichwörtlich kühlen Kopf. Die Hunde sind sehr erfinderisch bei der Suche nach guten Liegeflächen – wie zuhause.

In den sogenannten Ankunftszwingern schauen, schreien und singen mir seit Tagen zwei Hunde hinterher, denen ich versucht habe, bei ihrer Ankunft im Lager beizustehen. Die Ankunftszwinger sind schlauchartig gebaut und immer total überfüllt. Erst wenn die Hunde geimpft und kastriert sind wandern sie weiter im Lager. Der grauenvollste Ort – daneben sind sogar die Vetkennel für mich erträglich.
 

Der erste Schritt zum "Gesehenwerden": Aus dem Ankunftszwinger in die Vetkennel.Der erste Schritt zum "Gesehenwerden": Aus dem Ankunftszwinger in die Vetkennel.Mit Anielas Unterstützung und einem Arbeiter hole ich „meine beiden Hunde“ aus diesem Martyrium. Ich merke deutlich, ich würde es mir nicht verzeihen abzureisen, ohne aus ihnen Individuen gemacht zu haben, die ich später wiederfinden kann. Nicht gerecht, vielleicht nicht mal sinnvoll, aber für meine innere Stabilität nötig. Wir brauchen keine Fangstange, beide vertrauen mir. Die beiden werden bis zur Kastration in den außenliegenden Vetkenneln untergebracht und sofort geimpft – Kastration dann beim nächsten Kastrationstag. Ich verspreche Aniela die beiden in Hamburg aufzunehmen, sobald es uns möglich ist. Ich notiere die Ohrmarkennummern.

Janu mag nicht in seinen Käfig machen und so pinkelt er erstmal ein ordentliches Loch in den Schnee, immer wenn ich ihn aus dem Käfig hole. Wir verbringen zusammen unsere kurze Mittagspause, er bedient sich an den Fleischbergen, ich halte dagegen. Ein veganes Lichtlein, ich muss kichern.
Janu isst mit Verstand, wenn er satt ist, hört er auf. Einen Brocken Fleisch versucht er aber immer für später zu sichern: Gerne würde er ihn vergraben, aber ich weiß, dass macht keinen Sinn, also muss er seinen Brocken mit in den Käfig nehmen. Einige der vermittelten Rumis, auch meine eigenen Hunde, zeigen noch eine Weile das Verhalten, dass sie Essen bunkern möchten. Bei mir wurde es im Garten vergraben, was völlig ok war, aber auch schon mal in meinem Bett oder in den Topfpflanzen. Wenn sie merken, es gibt jeden Tag etwas Leckeres zu essen und Hund muss nie mehr hungrig schlafen gehen, hören sie zumeist mit diesem Verhalten auf.

Die Bucov-Pferde genießen die Wintersonne und frische Äpfel.Die Bucov-Pferde genießen die Wintersonne und frische Äpfel.7. Tag in Bucov

Am Morgen Äpfel vom Frühstücks-Buffet des Hotels für die Bucov-Pferde: Unglaublich was für genügsame Wesen Pferde doch sind – und der Mensch missbraucht sie auf alle möglichen Arten. Eines der Pferde ist auch Kutschpferd für einen der Lagermitarbeiter der außerhalb von Ploiesti wohnt, in einem Häuschen ohne Strom. Immer wenn ich hier die Arbeiter hab reiten sehen ohne Sattel und Zaumzeug – und auch wenn ich sehe, wie Marinica das Pferd anspannt und mit ihm nach Hause fährt – denke ich, von diesem Können sind die allermeisten Wohlstands-Reiter Meilen entfernt und werden es nie erlangen.

Danach wieder mit Janu Löcher in den Schnee pinkeln und nachschauen wie es „meinen“ beiden Hunden in den Vetkenneln geht. Sie sehen schon viel entspannter aus, obwohl es auch hier viel zu voll ist. Janu wartet immer brav auf mich. Aber er kann nur ein Viertelstündchen draußen bleiben, sonst wird es zu kalt für ihn, da er ja jetzt den Käfig im warmen Container gewöhnt ist.

Tierschützerin Aniela und Sandra Gulla freuen sich über neues Werkzeug, für das deutsche Tierfreunde spendeten.Tierschützerin Aniela und Sandra Gulla freuen sich über neues Werkzeug, für das deutsche Tierfreunde spendeten.Viele Fotos gibt es nicht vom letzten Tag, denn wir haben weiterhin Kiste für Kiste mit Fleisch und Wurst gefüllt. Auch heute waren wieder ehrenamtliche rumänische Helferinnen im Lager: Ich habe sie alle gefragt, ob sie uns helfen bei der Fleischfütterung – und ihre „betreuten“ Hunde wurden dann von uns gemeinsam als erstes versorgt. So waren wir fünf Frauen, die geschnitten, geschleppt, geschoben und verteilt haben bis zum Sonnenuntergang. Zwischendurch haben Aniela und ich schnell mein Versprechen an die Öffentlichkeitsarbeit des HTV eingelöst, auch mal Fotos von mir zu liefern. Wir haben diese an den Außenvetkenneln gemacht. Ich habe dort in jedem Zwinger gefüttert, aber dabei zu fotografieren ist nicht angemessen, denn man muss sich auf die Tätigkeit konzentrieren.

Jede Reise geht zu Ende

Neun Tage vor Ort, zwei in dem Hundelager Campina und sieben im Hundelager Bucov, haben mich gefordert, aber ich konnte auch viele kleine Momente abspeichern, die mir die Kraft geben im Tierschutz weiter zu machen. Ob am Ende alles gut wird, ob wir etwas erreichen – keine Ahnung. Ich tue was ich kann und ich weiß, hätte ich nur noch eine kurze Zeit zu leben, würde ich in einem Tierheim meine Zeit verbringen. Wüsste ich das morgen die Welt untergeht, würde ich heute einem Tier helfen, das meine Hilfe braucht. Für mich ist das richtig. Was es für andere ist, kann ich nicht beeinflussen.

Ihre Sandra Gulla

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