HTV-Reisebericht von Sandra Gulla mit ersten Eindrücken aus Rumänien

Sie wollen mit.Sie wollen mit.1. August 2014

Im Vorfeld meiner Tierschutzreise dachte ich, dass es eine gute Idee sei, wenn ich direkt von hier aus zeitnah über die Situation vor Ort und meine Eindrücke und Erfahrungen berichte. Jetzt fühle ich mich damit überfordert. Die Eindrücke sind so überwältigend, dass ich sie schwer sortieren und zusammenfassen kann. Ich bitte daher alle Leserinnen und Leser um Nachsicht.

 

Reisebericht, 1.Teil

Erster Tag nach Ankunft, Mittwoch, 30. Juli 2014

Die rumänische Tierschützerin Aniela Ghita fährt mit Anna Langhammer, der 2. Vorsitzenden von ProDogRomania, und mir zu einer ihrer Pflegestellen. Lady Octavia beherbergt regelmäßig eine Vielzahl von Welpen und kleinen Hunden, die Aniela aus der kommunalen Auffangstation Bucov in Ploiesti mitgenommen hat. Dort hätten sie so gut wie keine Chance zu überleben gehabt, weil sie so jung sind, weil sie krank sind, weil sie schwach sind. In Bucov sterben mehr als die Hälfte der eingelieferten oder dort geborenen Welpen. Wir bringen Lady Octavia zwei große Säcke Hühnerknochen mit, die Aniela besorgt hat. Lady Octavia kocht daraus eine Brühe; mit dieser weicht sie das Trockenfutter ein, damit alle Hunde genug essen können, um zu Kräften zu kommen. Aniela weist mich auf leere Welpenfutter-Dosen hin. Ich habe einen Kloß im Hals und fotografiere. Hier kommen also unsere Hilfsgüter an. Lady Octavia freut sich, dass wir sie besucht haben, dass wir fotografieren und uns für die Hunde und ihre Arbeit interessieren.

Sie schauen brav am Gitter.Sie schauen brav am Gitter.Danach fahren wir in die kommunale Auffangstation Bucov. Aniela stellt uns den Leitungspersonen vor. Dies hier ist kein Tierheim. Es ist eigentlich die bezirkliche Tötungsstation. Aber das ist das erste Wunder an diesem Tag, dass sich mir ganz langsam in seinen Dimensionen offenbart: Es ist den unglaublich engagierten rumänischen Tierschützerinnen Aniela Ghita und Mihaela Teodoru mit der Unterstützung aus anderen Ländern, wie z.B. Deutschland, gelungen, dass hier nicht mehr getötet wird. Nur bei medizinischer Indikation durch die von den Tierschützerinnen beauftragten und bezahlten Tierärzte werden einzelne Hunde euthanasiert. Wir machen einen Rundgang. In den nächsten Stunden schaue ich in hunderte von Hundegesichtern. So viele erwartungsvolle Gesichter. Viele schreien uns heran, sie wollen zu uns, klettern in den Gittern empor; verstörte Gesichter, manche verzweifelt; zurückhaltende und abwartende Hunde, manche ängstlich; aber vor allem erwartungsvolle, brav am Gitter stehende Hunde. Unter Hunderten von Hunden sehe ich nicht mal eine Handvoll, die aggressiv auf unser Kommen reagiert. Wir werden nicht einmal viel verbellt, anders sieht es mit dem uns folgenden Tross von „flüchtigen Hunden“, also solchen, die aus ihren Ausläufen geflohen sind und nun auf dem sehr weitläufigen Gelände frei umherlaufen, aus. Sie folgen uns gerne in einem gewissen Abstand. Sie sind frei, aber auch in Gefahr. Denn auf der angrenzenden, vielbefahrenen Straße wird für Hunde nicht gebremst und die Leitung der Auffangstation sieht die umherlaufenden Hunde nicht gerne. Immer, wenn ich denke, dass wir nun doch wirklich alle Ausläufe abgelaufen sein müssen, kommen noch mehr und noch mehr. Zurzeit sind rund 1.400 Hunde hier. Diese ganzen wunderbaren Hunde sind das zweite Wunder an diesem Tag, der mich überwältigt.

Dieser Ort könnte eine Hundehölle sein, aber er ist es nicht. Das ist die Leistung länderübergreifenden, solidarischen Tierschutzes. Aber dieser Ort hat auch noch nichts mit unseren Vorstellungen eines Tierheimes zu tun. Dafür bedarf es noch viel Arbeit: Überzeugungsarbeit und Entwicklungshilfe. Ich bin voller Dankbarkeit gegenüber allen im Hamburger Tierschutzverein, die daran mitwirken, dass wir ein Teil dieser Arbeit geworden sind.

 

 

Zweiter Tag, Donnerstag, 31. Juli 2014

Ab acht Uhr dürfen wir auf das Gelände der Auffangstation. Die Arbeiter beginnen vorher mit ihrer Arbeit. Tote Hunde werden möglichst frühmorgens aus den Ausläufen entfernt. Am bewachten Eingang werden wir höflich begrüßt. Die Schilder, die das Fotografieren verbieten, haben keine Bedeutung mehr. Wir können uns auf dem gesamten Gelände bewegen, wir dürfen überall fotografieren. Nur wenn die Hundefänger mit ihrer täglichen Fracht neueingefangener Hunde kommen, ist unsere Anwesenheit beim Ausladen nicht erwünscht. Die Hunde werden mit Betäubungspfeilen erlegt, häufig erliegen die Hunde der falsch dosierten Betäubung.

Wenn es gelungen ist, das Töten in einer Tötungsstation zu stoppen, ist die nächste und wichtigste Aufgabe, die weitere Vermehrung der Hunde auf dem Gelände zu verhindern: durch Trennung der Geschlechter, aber vor allem durch Kastrationen. Heute wurden 30 Hunde von einem Tierarzt aus Bukarest und seinem Team, beauftragt von den rumänischen Tierschützerinnen, kastriert. Sie wollten eigentlich mehr schaffen, aber durch die hohen Außentemperaturen war es in dem kleinen Raum, in dem die Kastrationen erfolgen, sehr heiß und das Team konnte schlicht nicht mehr. Am Montag ist der nächste Kastrationstag, wieder finanziert durch Spenden. Eine Kastration kostet, unabhängig vom Geschlecht, 21 Euro.

Die hohen Temperaturen führen auch zu einem gesteigerten Wasserbedarf der Hunde. Daher haben wir heute immer wieder Wassertränken befüllt. ProDogRomania hat neben so viel anderem auch dafür gesorgt, dass alle Ausläufe mit zweckmäßigen Wasserbehältnissen ausgestattet sind.

Unsere Aufgabe heute ist es, die Hunde, die grundsätzlich ausreisefähig sind, weil sie geimpft und, soweit altersgemäß möglich, kastriert sind, zu fotografieren. Ein Hund ohne Foto existiert nicht, ein Hund ohne Foto hat keine Chance auf Adoption. Anna Langhammer, die 2. Vorsitzende von ProDogRomania, geht mit bewundernswerter Organisation und Disziplin an diese Aufgabe heran. Sie fotografiert, notiert und behält den Überblick. Ich versuche, wenn nötig, ihr die Hunde „zuzuführen“; ich halte, kraule oder locke. Viele Hunde mögen Anna so sehr, dass es eher um Abstand geht, um gute Fotos zu ermöglichen. Wir arbeiten uns durch mehrere Ausläufe. An die fünfzig Hunde konnten wir erfassen. Neben so vielen tollen Hunden, die man demnächst dann in der Galerie von ProDogRomania sehen kann, machen wir die Bekanntschaft von wahrscheinlich einer Million Fliegen. Dieses Summen all der Fliegen, die durch den vielen Kot und die vergammelnden Knochenreste, die Verletzungen der Hunde und jetzt auch durch Anna und mich angezogen werden, verfolgt mich bis hierhin in mein Pensionszimmer am Laptop.

Gerne würde ich über einzelne Hunde schreiben, aber dafür fehlt mir jetzt die Kraft. Und es sind jetzt schon so viele Eindrücke in meinem Kopf, dass ich ein ganzes Buch schreiben könnte: über die Hündin, die schon zweimal aus einem Auslauf entwichen ist, sich jedes Mal an den rostigen Gittern schwer verletzt hat, über ein größeres Moppelchen, dem man das gar nicht zutraut, dass aber raus will aus der Enge der Ausläufe, jedoch auf dem Gelände bleibt und jetzt zufrieden wirkt;.über den Rauhaarigen mit durchgetretener Pfote, bei dem uns beim Fotografieren auffiel, dass er eine schlimm eingewachsene Kralle hatte, die heute gleich rausgeschnitten werden konnte und der ab morgen nun viel weniger Schmerzen hat … und … und … und.

Weitere Bilder sehen Sie hier: http://www.hamburger-tierschutzverein.de/termine-veranstaltungen/galerie/

Fotos: Sandra Gulla

Unsere Berichterstattung über Sandra Gullas Tierschutzreise nach Rumänien setzen wir auf unserem Facebook-Profil unter https://de-de.facebook.com/HamburgerTierschutzverein fort.

Hier geht es zu dem Vorbericht und den Reiseberichten Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.