Bericht zur Tierschutzreise nach Rumänien, Teil 3

Sie möchten so gerne Kontakt aufnehmen.Sie möchten so gerne Kontakt aufnehmen.4. August 2014

Am letzten Tag in der Auffangstation Bucov in Ploiesti haben wir sehr viel geschafft: zahlreiche Wassernäpfe aufgehängt, einen Wasserwagen aufgebaut und ebenso einen Futter-Transportwagen montiert. Ich hoffe sehr, dass die Arbeiter merken, dass ihnen die Werkzeuge und Hilfsmittel die Arbeit erleichtern und sie sie dann auch einsetzen. Das nützt den Hunden.

Ein Tag, an dem alle Wasser hatten.Ein Tag, an dem alle Wasser hatten.Wir haben darauf geachtet, dass in allen Ausläufen und Zwingern Wasser war und dass die Kranken in den Innenzwingern und die Welpen Futter bekommen haben. Es ist jetzt mit ein klein wenig Abstand auch für mich schon wieder unfassbar, dass die Hunde nicht jeden Tag etwas zu essen bekommen. An zwei Tagen in der Woche, und zwar am Wochenende, sorgen die Tierschützerinnen dafür, dass die Hunde Trockenfutter bekommen, insbesondere die deutsche Tierschutzorganisation ProDogRomania e.V. (PDR) macht das möglich. An den anderen Tagen gibt es Schlachtabfälle. Dies hört sich besser an, als es ist, denn hauptsächlich handelt es sich um Knochen oder Supermarktabfälle. Die Wurst, die dort teilweise im Futterwagen landete, „lebte“ schon wieder.

Aber es gibt auch immer wieder die Tage ohne Futter. Die Hunde in der Auffangstation Bucov verhungern dennoch nicht. Die Schwachen, die Alten, die Gehandicapten, die immer nur die Reste vom Wenigen abbekommen - was dann fast nichts ist - haben es schwer. Für mich ist es unfassbar, wie freundlich die durstigen und hungrigen Hunde zu uns waren. Sicher: Anna* und ich beachten die Regeln im Umgang mit großen Hundegruppen und wir haben Erfahrung damit.

Eine Killerin?Eine Killerin?Gerade heute Abend musste ich mir von einem gut situierten Rumänen wieder anhören, dass die Streunerhunde Menschen killen. Tja, ich hab über Tausend von ihnen kennengelernt und nur ihr Wunsch nach Kontakt hat Spuren an meinem Körper hinterlassen. Über die Arbeit von rumänischen und aus dem Ausland in Rumänien aktiven Tierschützern wussten er und seine Frau nicht viel. Schlimmer: Die Frau spricht gut Englisch, aber zu ihrem Wortschatz im Englischen gehören die Worten "animal welfare" (Tierschutz) und "shelter" (Tierheim) nicht. Ihr Mann musste ihr die Worte auf Rumänisch erklären! Es gibt noch jede Menge zu tun.

Ich habe die ganze Zeit versucht zu schauen, welcher Rüde, der Nachfolger meines im Mai dieses Jahres verstorbenen Rüden werden kann. Und ich stelle jetzt mit ein bisschen Abstand fest, dass ich seltsam unberührt an die Hunde denke, die ich als mögliche Kandidaten ausgesucht habe. Das ist wohl die Folge des Selbstschutzes, der für Tierschutzreisen erforderlich ist. Die Entscheidung, eine Tierschutzreise zu unternehmen, ist für mich stets hochemotional und die ganzen Reisevorbereitungen sind auch sehr emotional, eine Mischung aus großer Freude und Furcht vor dem, was einen diesmal erwartet. Aber wenn ich vor Ort bin, werde ich sehr rational und distanziert, anders ist es wohl nicht zu ertragen.

Sandra Gulla, Mihaela Teodoru, Anna Langhammer, Aniela Ghita: Tierschutz verbindet (v. li.).Sandra Gulla, Mihaela Teodoru, Anna Langhammer, Aniela Ghita: Tierschutz verbindet (v. li.).Als Anna und ich aber Ploiesti verlassen haben, war bei uns beiden große Trauer. Beide hingen wir unseren Gedanken nach, und es wurde im Auto auf der Fahrt nach Bukarest kaum gesprochen. Anna und ich hatten beide unabhängig voneinander, aber übereinstimmend den Eindruck, wir würden die Hunde jetzt im Stich lassen. Völlig verblüffend, wie weh der Abschied von einem so schauerlichen Ort tun kann. Und natürlich lassen wir die Hunde nicht im Stich. Anna wird Hunderte Bilder auf der PDR-Website veröffentlichen - sie verbringt jede freie Minute damit -, um den Hunden damit eine Chance auf Vermittlung zu geben. Ich werde mich bemühen, Hunde im Hamburger Tierschutzverein aufzunehmen und anderen Vereinen als Beraterin zur Verfügung zu stehen. Eine erste Anfrage gibt es.

Es ist so wichtig, realistische Vorstellungen von der Situation vor Ort zu haben, wenn man helfen will. In Ploiesti kann kein Mensch eine Hundebürste gebrauchen. Und das ist vielleicht schwer zu verstehen, wenn man nicht selbst die Verhältnisse kennt. Es ist nicht möglich, Hunde, die auf der Website von PDR vorgestellt werden oder sogar schon Adoptanten gefunden haben, zu sichern. Dort gibt es keine sicheren Plätze. Es ist das ständige Bemühen der beiden Tierschützerinnen vor Ort, Aniela und Mihaela, zu verhindern, dass die neu gefangenen Hunde ohne Rücksicht auf ihre Größe und Verfassung direkt in die Großausläufe geworfen werden.
Die „death kennels“ (Todesausläufe) haben daher ihren Namen, weil es üblich war, die Neuen dort hineinzupacken. Viele überlebten das nicht. Daher ist es auch schon wieder ein Fortschritt, wenn die Hunde jetzt in völlig überfüllte kleine Außenzwinger - und das ist wörtlich gemeint - geworfen werden.

Am letzten Tag bin ich zum Missfallen der Leitung und der Arbeiter nicht verschwunden, als die Ausladung der Tagesjagd begonnen hat: für die Toten die Schubkarre, für die Betäubten einen Wurf in die Außenzwinger, für die anderen noch einmal die Qual der Fangschlinge. Ich habe ein neutrales Gesicht gemacht und nach der Ausladung wieder freundlich mit allen gesprochen und jeden Mitarbeiter angelächelt, wenn ich ihn traf. Den Aufstand probt man hier nur einmal. Ich will aber wiederkommen und schauen, wie es weitergegangen ist mit den Hunden und den Tierschützerinnen von Ploiesti.


5. August 2014

Nachdem wir Anna auf dem Flughafen abgesetzt und ich meinen Mietwagen übernommen hatte, ging meine über 400 Kilometer lange Reise nach Baile Herculane los. Rumänien ist ein Land der Extreme: herrliche Landschaft und Industriebrachen in mir bisher unbekannten Ausmaßen. Eine Stadt wie Craiova, an der ich vorbeigefahren bin, verstört mich: Riesen-Raffinerien mitten in der Stadt – andersherum ist es wohl richtiger, dass die Stadt um die Raffinerie entstand mit riesigen Wohnblöcken, die entweder heruntergekommen sind oder auch schon vor dem Umbruch in Osteuropa keine gute Bausubstanz hatten. Nachdem ich die großen Städte hinter mir gelassen hatte, fuhr ich durch Dörfer, wo ich eine Landwirtschaft wie vor hundert Jahren vorfand: Pferdekarren mit passabel, wenn auch oft nicht gut aussehenden Pferden. Die Armut ist aber auch den Menschen ins Gesicht geschrieben.
Puten- und Hühnerscharen, Ziegen- und Schafherden passierte ich und mir wurde klar: Als Kuh, Pute oder Huhn möchte ich lieber in Rumänien auf dem Land leben als in Deutschland. Als es Abend wurde, holten die Leute ihre Tiere herein. Dann gingen sie mit ihrer gehörnten (!) Kuh auf der Straße nach Hause an einer Kette, die über die Hörner gestülpt war. Nasenringe habe ich nicht einmal gesehen. Locker und nach einem Tag auf der Weide recht zufrieden wirkend, trotteten diese Kühe - wie wir im HTV sagen würden, an der „lockeren Leine“ - hinter ihren Menschen her. Felder, auf denen das Gras zum Trocknen als Raufen aufgestellt wird. Ich habe noch nie zuvor gesehen, wie eine Putenschar nach Hause geführt wird, von Frauen oder Männern, die sie freundlich zusammentreiben, denn nicht jede Pute hat Lust, die Weide freiwillig zu verlassen.

Aber auf der Fahrt begegnen mir auch viele Hunde, sehr viele tot gefahrene Hunde. Meine ständige Sorge war, selbst einen der Streuner anzufahren oder einen halbtoten Hund auf der Fahrbahn liegen zu sehen. Beides blieb mir erspart. In der Mittagszeit - es waren bis zu 34 Grad - sah ich nur trächtige oder säugende Hündinnen. Von den rumänischen Tierschützerinnen habe ich gute Hinweise zur schnellen Unterscheidung der beiden Zustände erhalten. Ich denke diese Hündinnen mussten auch in der Mittagsglut Nahrung suchen, während die anderen Hunde zu dieser Zeit eher den Schatten suchten.

Es sind überall so viele Hunde. Die rumänische Regierung hat den Hunden den Krieg erklärt und sie führt diesen Krieg, aber sie wird ihn nicht gewinnen. Hier sage ich in den Gesprächen mit meinem eingeschränkten Englisch, dass diese Maßnahmen nur Make-up sind, keine Lösung. Tötung ist niemals die Lösung! Nicht bei Hunden, nicht bei Katzen, nicht bei Tauben. Flächendeckende Kastrationen würden das Problem viel schneller und nachhaltiger lösen. Aber niemand sollte sich Illusionen hingeben: Auch dafür benötigt man dutzende Jahre. Ein Lebensraum nimmt immer so viel Lebewesen auf, wie er - wenn auch schlecht - ernähren kann. Unter hohem Verfolgungsdruck steigen die Geburtsraten. Die Regeln der Natur kann auch die rumänische Regierung nicht besiegen.

Craiova: riesige Raffinerien mit drumherum gewachsener Stadt.Craiova: riesige Raffinerien mit drumherum gewachsener Stadt.Meine Ankunft heute hier im privaten Tierheim von PDR und Tierschützer Mishu hat mir wieder ganz andere Einsichten ermöglicht, aber dazu beim nächsten Mal mehr.

Weitere Bilder sehen Sie hier: http://www.hamburger-tierschutzverein.de/termine-veranstaltungen/galerie/

Fotos: Sandra Gulla

Unsere Berichterstattung über Sandra Gullas Tierschutzreise nach Rumänien setzen wir auf unserem Facebook-Profil unter https://de-de.facebook.com/HamburgerTierschutzverein fort.
 

Hier geht es zu dem Vorbericht und den Reiseberichten Teil 1, Teil 2Teil 4 und Teil 5.

 

* Anna Langhammer ist die 2. Vorsitzende der Tierschutzorganisation ProDogRomania e.V.