Bericht zur Tierschutzreise nach Rumänien, Teil 4

Einer von Vielen, die Aufmerksamkeit wünschen.Einer von Vielen, die Aufmerksamkeit wünschen.11. August 2014

Heute ist mein letzter kompletter Tag in Rumänien. Morgen fliege ich zurück von Timisoara. Der Flughafen ist von Baile Herculane rund 180 km entfernt. Ich freue mich darauf, noch etwas mehr von Rumänien zu sehen. Ich mag dieses Land und habe viele sehr schöne Erfahrungen mit den Rumänen gemacht.

Hier auf dem Land sind sie häufig zunächst sehr zurückhaltend, fast scheu, das kann man schnell falsch deuten. Was habe ich geflucht, als ich mein ganzes Gepäck alleine in den ersten Stock der Pension in mein bescheidenes, aber gut zu bewohnendes Zimmer geschleppt habe. Ich musste lernen, dass man hier fragen muss und den ersten Schritt machen muss, dann bekommt man alle Hilfsbereitschaft und Unterstützung, die man braucht. So ist mir Lili, eine Beschäftigte der Pension, die etwas Englisch spricht, eine große Hilfe. Ihr muss ich erscheinen, wie ein Alien von einem anderen Stern. Im Restaurant der Pension habe ich freien Internet-Empfang, daher nehme ich mein Frühstück und Abendessen dort ein, und Lili hat für mich gesorgt und verstanden, warum ich hier bin. An einem Abend hat sie zu mir gesagt: no smoking (ich wollte ein Nichtraucher-Zimmer), no alcohol (mein abendliches Ursus - ein hiesiges Bier - bestelle ich ohne Alkohol) and no eating animal products, that is great. Bestimmt bin ich die erste vegan essende Person, die sie kennengelernt hat. Und das in einem Land, in dem zu allen Mahlzeiten Fleisch und tierische Produkte in Mengen gegessen werden: Frühstück bedeutet hier oft Unmengen Eier als Omelett oder Rührei mit haufenweise gebackenem Speck oder Würstchen, zu jeder Tageszeit werden Schnitzel gegessen. Und das, obwohl ich in allen Markthallen traumhaftes Gemüse gesehen habe. Immer war ich ein bisschen traurig, dass mir hier zum Kochen die Möglichkeit und vor allem die Zeit fehlen. Denn meine Zeit gehört hier den Hunden.

Arbeiten bis in die Nacht

In Ploiesti hatte der Tag noch etwas mehr Struktur, denn da mussten wir ja bis 16 Uhr die Auffangstation verlassen haben, damit die Arbeiter pünktlich Feierabend machen konnten. Danach besuchten wir Pflegestellen oder fuhren zu Tierärzten, abends war dann gemeinsames Tierschützerinnen- Essen angesagt. Hier in Baile Herculane ist der Shelter ein privater, im Wesentlichen errichtet und unterhalten von PDR, geführt von Mishu und seiner Frau Maria. Hier kann ich bis in die Nacht arbeiten, wenn ich mag und oft mag ich.

Eine Streunerhündin auf der Straße.Eine Streunerhündin auf der Straße.Rund 240 Hunde leben in diesem Tierheim in deutlich besseren Verhältnissen als in Ploiesti. Es gibt in Baile Herculane keinen Gemeinde-Hundefänger und keine Tötungsstation, solange der Tierschutz sich erfolgreich kümmert und Hunde, die weg sollen, aufnimmt. Ansonsten werden die Streuner toleriert und es gibt sehr viele von ihnen. Überall, wo ich parke oder einkaufe, sehe ich Streunerhunde. Hunde in einem akzeptablen bis ordentlichen Ernährungs-, wenn auch schlechten Pflegezustand. Manche sind verletzt und offensichtlich krank, aber nicht so dramatisch, wie man glauben mag. Der Karpaten-Rumäne scheint den Streunern in seiner näheren Umgebung eine Lebensmöglichkeit zu lassen bzw. sogar für sie zu sorgen. Selten habe ich beobachtet, dass sie gescheucht oder gehetzt werden. Die beiden Stadteingangshunde, wie ich sie nenne, die tagein tagaus hinter der Brücke, die nach Baile Herculane hineinführt, am Straßenrand liegen, scheuchen eher mich bzw. meinen Mietwagen aus ihrem Einflussbereich. Die Zustände dieses Tierheims sind vergleichbar mit dem, was ich aus Spanien von privaten Auffangstationen kenne, aber keinesfalls vergleichbar mit entsprechend großen deutschen Tierheimen. Alle Hunde werden mit Wasser versorgt und bekommen zumindest eine Mahlzeit am Tag. Jetzt im Sommer sind auch alle akzeptabel untergebracht.

Bau eines Welpenhauses für den kommenden Winter

Vorne links soll das Welpenhaus entstehen.Vorne links soll das Welpenhaus entstehen.Gleich in meiner ersten Nacht habe ich ein heftiges Gewitter mit Starkregen erlebt. Ich konnte hören, wie das Wasser die Berge heruntersprudelte. Aber seither ist es hier durchgängig sonnig mit Temperaturen bis zu 31 Grad. Schatten ist also das, was die Hunde sich derzeit am meisten in ihren Unterkünften wünschen. Doch bald kommen Herbst und Winter. Der Regen, der dann von den Bergen herunterfließt, ist üppiger. Insbesondere die Welpen benötigen dann dringend mehr als ein Sonnensegel über ihrem Kopf. Der Trupp handwerklich begabter Männer aus Deutschland wird kurz nach meiner Abreise ankommen und eine Welpenunterkunft bauen. Mishu hat mich gleich am ersten Tag gelöchert, was ich meine, was und wie gebaut werden sollte. Etwas überfordert fühlte ich mich, ihn zu beraten, aber nachdem ich meinen Hang zum Perfektionismus mit meiner dann doch auch vorhandenen Gabe zum Pragmatismus niedergerungen hatte, begannen wir mit den Planungen. Von dem Bautrupp aus Deutschland war die Größe des Gebäudes vorgegeben worden. Wir haben die richtige Lage auf dem großen Gelände gesucht und die Ausrichtung und die räumliche Aufteilung überlegt. Auf dieser Basis wurde nun mit den Fundamentarbeiten begonnen. Genau das ist ja auch Zweck meiner Reise, all das, was ich an Wissen in mehr als zwanzig Jahren im Umgang mit und der Betreuung von Hunden erfahren durfte, weiterzugeben. Das verstehe ich auch unter Auslandstierschutz. Lieber nenne ich ihn „internationalen Tierschutz“, weil Ausland hat in der deutschen Sprache und oft auch Haltung so viel zu tun mit auseinander, ausgrenzen, draußen sein und häufig auch draußen bleiben.

Welpen leben außerhalb der Ausläufe gefährlich

Außerhalb des umzäunten Auslaufs ist es spannend, aber gefährlich.Außerhalb des umzäunten Auslaufs ist es spannend, aber gefährlich.Alles ist für die Welpen besser, als die jetzige Situation in nur mangelhaft umzäunten Ausläufen, die ihnen ermöglichen auszubrechen oder sich herauszubuddeln. Und damit bringen sie sich in Gefahr, denn auf dem Gelände leben mindestens sechzig Hunde frei. Es ist hier so wie überall in Auffangstationen oder Tierheimen: Die Cleveren, Intelligenteren kommen schlechter mit der Situation des Eingesperrtseins klar, bringen sich dann selbst in Gefahr bei den Versuchen, sich mehr Freiheit zu erobern. So wie die schwarze Schäferhündin, die ich nun mehrere Tage bei ihren Kletteraktionen im offenen Hundehaus beobachten konnte. Wenn es Futter gibt, schaut sie schon mal auf der anderen Seite, ob da schon oder noch etwas ist. Dafür klettert sie an einer hohen Metallwand empor und bringt sich, wenn sie mal an die Falschen gerät oder die Richtigen einen schlechten Tag haben, in Lebensgefahr.

Überhaupt sind die Schäferhunde in Rumänien nach meiner Wahrnehmung und dem, was ich erfragen konnte, die beliebteste Rasse in Rumänien. An zweiter Stelle folgt der Dackel. Beide Rassen sieht man daher häufig, manchmal auch in den wildesten Mischungen in den Auffangstationen. Bedauerlicherweise brauchen beide Hunderassen eine Aufgabe, Arbeitshunde sozusagen, die in der Unterbringung und Betreuung daher anspruchsvoll sind. Schon in Deutschland stößt mich die Rassegläubigkeit der Leute ab: Da darf es kein Mischling aus dem Tierheim sein, sondern es muss ein Rassehund vom Züchter her. In Rumänien offenbart sich mir der komplette Irrsinn dieser menschlichen Verwirrung: Auf der einen Seite tausende Streunerhunde in den Auffangstationen, Vernichtung von unzähligen wundervollen Lebewesen und auf der anderen Seite flimmert abends beim rumänischen Fernsehsender „Pro TV“ die Pedigree-Werbung über den Bildschirm - natürlich mit einem reinrassigen Dackel. Kurz hatte ich den Impuls, dem US-amerikanischen Nahrungsmittelkonzern Mars, der Pedigree produziert, zu schreiben, ob sie sich in einem Land wie Rumänien nicht für diese Werbung schämen. Na ja, Konzerne, die sich schämen - tief in mir drin bin ich eine Träumerin. Wenn - was selten genug vorkommt - Leute in eine Auffangstation kommen, um einen Hund zu adoptieren, dann meist Welpen, aber immer muss die Rasse stimmen. Daraus kann ich den Rumänen kaum einen Vorwurf machen, denn auch in Deutschland sind noch die meisten Hunde Rassehunde und nach meiner Kenntnis nur ein Viertel der Hunde aus dem Tierschutz. Und wir sind in Deutschland der rumänischen Bevölkerung nach meiner Einschätzung in der Entwicklung des Tierschutzes ca. 50 Jahre voraus.

Beobachten der Hunde als wichtiger Teil der Arbeit

Am liebsten würde ich den ganzen Tag irgendwo auf dem Gelände sitzen und die Hunde beobachten. Es gibt Gruppenzwinger, in denen von zwei Hunden bis einer Gruppe von bis zu zehn Hunden leben. Bei der Zweier-Besetzung ist allerdings eine stattliche Cane Corso-Hündin dabei. Sie hat mir ihr Körpergewicht von mindestens 60 Kilogramm beim Versuch, schöne Fotos von ihr zu machen, in aller Zuneigung immer wieder entgegengeworfen, so dass dieser Versuch, alleine von ihr Fotos zu machen, kläglich scheiterte. So lange ich konnte, habe ich das Spiel „Sie-ist-die-Kugel-und-ich-bin-der-Kegel,-der-versucht-nicht-zu-fallen“ mitgemacht. Sie hat sich halt so über meinen Besuch gefreut. Von draußen konnte ich dann mit Mishus Unterstützung Fotos machen und so hoffe ich, dass Lori irgendwann mit Hilfe meiner Bilder ihre Leute findet. Daneben die Ausläufe für Junghunde, ungezählte Nasen die sich mir entgegenstrecken. Und dann eben die große Anzahl frei auf dem Gelände umherlaufender Hunde. Hier kann man so viel über hündisches Verhalten lernen. Nicht nur Schönes. Wenn aus irgendeinem Grund die Hatz auf einen der Hunde beginnt und wir das hohe Schreien der Gehetzten, Unterlegenen oder bereits Verletzten hören, lassen wir alles stehen und liegen und rennen jeder aus der Ecke, wo er gerade arbeitet, los um das Schlimmste zu verhindern. Niemals direkt dazwischen gehen, wenn ich die Hunde nicht kenne, habe ich mir zur eisernen Regel gemacht und ich bin auch noch nie von einem Hund ernsthaft verletzt worden. Ein Wasserstrahl, ein Wasserguss, heftige Geräusche oder ein ganz hohes „Singen“ meinerseits, haben mir bisher immer geholfen; und wenn nur insofern, dass ich die geifernde und anfeuernde Hundemenge von den Kämpfenden ablenken konnte und der Kampf seine Heftigkeit verlor.

Neuankömmlinge im Tierheim von Baile Herculane

Ein Neuankömmling (Mitte) wird beäugt.Ein Neuankömmling (Mitte) wird beäugt.Aber vor allem sehe ich unterhaltsames oder berührendes Hundeverhalten. Besonders spannend für mich die Integration von Neuankömmlingen. Alle Ausläufe sind gut besetzt nicht überfüllt, aber auch nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Die Neuankömmlinge - gestern ein kräftiger Schäferhund-Mischlingsrüde mit breitem Schädel - stehen zunächst einige Stunden vor dem Tor der Auffangstation in einer Hundebox. Wenn das Interesse der vielen Drinnen nachgelassen hat, kommt der Hund in der Box auf das Gelände, da geht dann wieder das Verbellen und Attackieren los. Der nächste Schritt ist dann, dass der Hund mit geöffneter Box oder in einer Holz-Hundehütte auf dem Gelände untergebracht wird. Oder es wird entschieden, in welchen Auslauf er passen könnte. Eine Malinois-Hündin, die erst seit zwei Wochen hier ist, bewegt sich nur aus ihrer Hütte und wenige Meter hinter ihre Hütte. Mehr gestehen die anderen Hunde ihr noch nicht zu. Sie ist auch dem Menschen gegenüber scheu und wird wohl sehr lange, wenn nicht für immer, hier leben. Wenn ich mit der Kamera anrücke, versteckt sie ihren Kopf unter einem Vorderlauf. Aber als ich einmal lange genug mit der Kamera vor dem Gesicht sitzengeblieben bin, konnte ich sie in ihrer ganzen verlegenen Schönheit fotografieren. Einen großen Schäferhund, der auch neu ist und eine Hütte unweit von ihr bewohnt, habe ich bisher nur nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der Hütte gesehen, wenn die ganzen anderen Hunde ruhen oder schlafen.

Sandberge gegen Hunde-Langeweile

Herrlich - buddeln im Sandberg!Herrlich - buddeln im Sandberg!Eine neue Erkenntnis nehme ich nach Deutschland mit: die umfassende Bedeutung eines Sandberges für eine Hundegruppe. Auf dem Gelände sind alte Sandhaufen-Reste von Bauarbeiten. Diese geben den Hunden mannigfaltige Beschäftigungsmöglichkeiten zum Buddeln, zum Anpinkeln der neben den gebuddelten Löchern liegenden Buddelhaufen, zum Rennen durch den Sand, dass er fliegt… Aber ein neuer großer Sandhaufen, wie er von einem Kipplaster angeliefert und für die Fundamentarbeiten des Welpenhauses aufgeschüttet wurde, ist das Größte! Soviel Beschäftigung und so viele Möglichkeiten, sich über- und untereinander zu legen! Gipfelstürmer und Maulwürfe gab es dann auch hier und Junghunde, die sich im Rutschen und Rollen übertroffen haben. Eine günstige und effektive Maßnahme gegen Hunde-Langeweile in der Auffangstation oder im Tierheim.

Soviel wollte ich gar nicht über das Verhalten der Hunde schreiben, und es macht vielleicht den Eindruck, hier gäbe es Muße zur Tierbeobachtung. Tatsächlich mache ich meine Beobachtungen nur, wenn ich von der Arbeit aufschaue und Arbeit gibt es hier ohne Ende. Beim Fotografieren, einer „riskanten“ Arbeit, wurde ich doch heute angepinkelt. Da es so heiß war und mir sowieso der Schweiß lief, merkte ich es auch erst, als ich bis auf die Unterwäsche klitschnass war. Was hocke ich da auch in dem Auslauf rum wie ein Stein?! Mein Pferdeschwanz wurde nicht getroffen. Das beruhigte mich. Er ist aber ein wunderbares Spielzeug für die Junghunde: Oh, wie schön kann man auf ihm herumkauen und an ihm zerren!

Meine weiteren Arbeiten: in der improvisierten Krankenstation beim Kastrationstag, waschen, putzen, aufräumen und Hunde baden oder frei schneiden. Die Auswahl der Hunde, die mit dem nächsten Transport mitkommen in ein neues Leben, fordert mich auch. Sie machen anderen Platz, damit diese eine Zuflucht finden können hier im Tierheim in Baile Herculane.

Aber auch das Beobachten der Hunde zähle ich zu meiner Arbeit. Denn mein Credo ist: Ich kann nur dem adäquat helfen, den ich kenne und in seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten verstehe. Das gilt für mich für Menschen wie für Hunde.

Weitere Bilder sehen Sie hier: http://www.hamburger-tierschutzverein.de/termine-veranstaltungen/galerie

Fotos: Sandra Gulla

Unsere Berichterstattung über Sandra Gullas Tierschutzreise nach Rumänien setzen wir auf unserem Facebook-Profil unter https://de-de.facebook.com/HamburgerTierschutzverein fort.

Hier geht es zu dem Vorbericht und den Reiseberichten Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 5.