Romas Geschichte

14. Oktober 2014

Aus meinem letzten Reisebericht aus Rumänien vom 12. August.

„Auch mein letzter Abend ist völlig anders verlaufen als ich geplant hatte. Aber das ist eh eine Lehre aus meinen Tierschutzreisen, plane nicht, nehme wahr, reagiere strukturiert und kontrolliert, sei offen und flexibel, immer ist alles anders als man es sich vorstellt.

An meinem letzten Abend wollte ich die Auffangstation mal früher verlassen, ich hatte versprochen noch Bilder zu meinem Bericht auszusuchen und an die Öffentlichkeitsarbeit des HTV zu mailen und meine Sachen musste ich auch noch packen. An einem kleinen Supermarkt an der Landstraße, der auch von vielen Lkw-Fahrern frequentiert wird, machte ich wie schon an anderen Abenden einen Halt, weil ich tagsüber nicht zum Einkaufen gekommen war und es für das Restaurant in der Pension zu spät war.

Mit Obst und Cola für den nächsten Tag kam ich wieder raus und mich traf der Blick einer blonden mittelgroßen Hündin. Ich konnte mich ihr nicht so schnell entziehen wie all den anderen vorher.

Grundsätzlich habe ich so wenig Reisestopps wie möglich eingelegt, ich hatte kein Futter im Auto. Was hätte ich tun sollen mit all den Hunden, die dann zu mir gekommen wären, eine Mahlzeit und dann? Zudem wollte ich nicht noch mehr dafür sorgen, dass die Hunde an den Landstraßen stehen und liegen. Natürlich kann man es auch anders machen, ich jedoch habe es für mich so entschieden.

Diese Hündin kam aber direkt auf mich zu. Sicher roch sie die Dutzenden anderer Hunde meines Arbeitstages. Ich setzte mich also zu ihr und begann sie zu streicheln. Eine Hündin, wahrscheinlich tragend. Mein Verhalten, auf den Stufen des Supermarktes einen Hund zu streicheln, erregte die Aufmerksamkeit von Taxifahrern, die dort auf Kundschaft vom nahe liegenden kleinen Bahnhof warteten und den Händlerinnen aus den kleinen Supermärkten und Imbissbuden. So hatte ich die Möglichkeit nachzufragen, ob jemand für die Hündin Sorge trägt, ob sie gar jemandem gehört, nein sie ist ein stray (Streuner) erfuhr ich, sie gehört Niemandem, sie gehört der Gemeinde, lebt seit ca. einem Jahr hier an der Landstraße. Sie drückte sich an mich und schaute mir ständig direkt ins Gesicht. Eigentlich habe ich immer gelesen, Hunde tun das nicht gerne und mögen es auch nicht, aber auch bei meiner Irmi - einer ehemaligen Straßenhündin von der kanarischen Insel La Palma -habe ich genau dieses Verhalten erlebt: der durchdringende lange Blick in meine Augen und irgendwie damit in mein Herz. Ich nahm die Hündin in meinen Arm, erklärte ich würde sie jetzt mitnehmen und wo sie zu finden sei, wenn sich doch jemand für sie interessierte, bat die Umherstehenden mein Auto zu öffnen und dort meinen gerade erworbenen Proviant zu verstauen. Eine Supermarktverkäuferin bedankte sich überschwänglich bei mir. Ich setzte die Hündin in den Fußraum meines kleinen Mietwagens. Sie rollte sich zusammen und schaute mich weiter an. Ich drehte mit dem Wagen und fuhr zurück zur Auffangstation.

Dort traf ich gegen 23 Uhr noch die Tierärztin Adriana an, sie war damit beschäftigt neu angekommene Welpen zu impfen und jetzt schleppte ich auch noch einen Hund an. Ein bisschen war es mir peinlich. Ich habe der Hündin den Namen Roma gegeben und Geld für ihre Kastration dagelassen (über ProDogRomania kann jeder mit einer Spende von 30 Euro eine Kastration ermöglichen). Ich habe zugesagt Roma zu übernehmen, wenn sie reisefähig ist.

Adriana impfte sie noch in der Nacht und wollte sie am übernächsten Tag kastrieren, niemand braucht noch mehr Welpen auf den Straßen oder in den Auffangstationen in Rumänien.“

Am 25. August konnte ich berichten: „Roma, die Streunerhündin meines letzten Abends in Baile Herculane ist kastriert worden. Sie war tragend. Mit dem nächsten Transport aus Baile Herculane, hoffentlich noch in diesem Jahr, werden wir sie nach Hamburg holen. Ich hoffe, sie erlebt ihren Ausreisetag.“

Am 18. September ist Roma im HTV angekommen. Ich war so froh, sie wieder im Arm halten zu können.

Roma war bis jetzt in der Quarantänestation. Sie ist gründlich untersucht und liebevoll gepflegt worden. Jetzt könnte Roma in ein neues Zuhause umziehen, in dem sie den Rest ihres Lebens in Sicherheit und gut behütet verbringen darf.

Sandra Gulla