Zweiter Bericht aus dem Hundelager Bucov

Welpen, eingeliefert durch die Hundefänger.Welpen, eingeliefert durch die Hundefänger.27. Juli 2015

Liebe Leserinnen und Leser,
jeden Tag erlebe ich hier so viel, dass alles, was ich berichte nur ein kleiner Ausschnitt ist. Wie kann ich Ihnen nun also berichten? Ich werde Ihnen einzelne Begebenheiten schildern, die exemplarisch für die Situation hier sind.

Die täglichen Einfangaktionen bringen unterschiedlich viele Hunde. Jetzt am Wochenende wird nicht mit Nachdruck eingefangen, denn die Schicht der Hundefänger, wie auch die der zurückgebliebenen Arbeiter im Lager, ist am Wochenende deutlich kürzer. Ich versuche mitzubekommen, wenn der Hundefängerwagen zurückkommt. Das gelingt nicht immer, weil wir uns auf einem riesigen Lagergelände bewegen. Doch am vergangenen Freitag konnte ich schnell genug beim Ausladen dabei sein. Es waren nur drei Hunde, davon zwei schwarze Welpen. Ich war froh, dass ich sie sofort in Empfang nehmen konnte. Meine Kamera lege ich beim Ausladen immer demonstrativ beiseite, weil eben das häufig kaum zu ertragende Ausladen der Hunde nicht gefilmt oder fotografiert werden soll. So bestand aber für Aniela, die die Situation sofort erfasste, die Möglichkeit einige Fotos zu machen, unmittelbar nachdem ich die Welpen aus dem Wagen geholt hatte. Hier gibt es so unendlich viele Welpen und Junghunde. Am gleichen Tag habe ich die Tierärztin Irina bei der Behandlung der Welpen in den vielen Welpengehegen, die Aniela betreut, unterstützt. Dort konnte ich dann die kleine Leiche eines ebenfalls schwarzen Welpen bergen, der nur wenige Tage zuvor ebenfalls mit einem Geschwisterchen eingeliefert wurde. Ich glaube es war vorgestern, als die Tierärztin Catalina die Leiche eines schon etwas größeren schwarzen Welpen in einem anderen Gehege vorgefunden hatte. Auch die beiden waren in meiner Zeit hier angekommen. Und ich war erstaunt, dass es auch da so schnell gegangen war mit dem Sterben. Aber die Welpen kommen eben mit diversen Erkrankungen von der Straße und dann kommen sie in die überfüllten Gehege und so ist die Sterblichkeit hoch.

Das tote große Brüderchen.Das tote große Brüderchen.Ich habe bei den Tierärztinnen nachgefragt und sie gehen davon aus, dass von den Welpen unter acht Wochen in der ersten Zeit nach der Einlieferung die Hälfte stirbt. Sind sie bereits über acht Wochen, wenn sie in das Lager kommen, dann sind ihre Chancen zu überleben etwas höher. Wenn Mütter mit sehr kleinen Welpen kommen beziehungsweise Welpen im Lager geboren werde, sterben alle. Der Stress und der Krankheitsdruck sind für die Mütter zu viel. Sie werden krank, manche sterben, so haben die Welpen keine Chance.

Ich habe nicht weiterverfolgt, was aus meinen beiden schwarzen Welpen geworden ist, vielleicht schau ich morgen mal nach dem Bruder des größeren toten Welpen, aber nur, wenn nicht wieder Wichtigeres ansteht. Die Tierärztinnen schauen jeden Tag in die Welpenausläufe und behandeln und impfen die neuen kleinen Wesen. Tatsächlich kann ich mir aber auch überhaupt nicht vorstellen, wie es hier aussähe, wenn die Sterblichkeit der Welpen nicht so hoch wäre. Wir müssen uns also auch bewusst sein, dass jede Maßnahme, die die Sterblichkeit verringert, das Problem der überfüllten Zwinger und Ausläufe verschärft. Nichts, aber auch gar nichts ist einfach hier. Und wer hier behauptet, eine Patentlösung für die vielschichtigen Probleme zu haben, der lügt.

Sicher verstehen Sie aufgrund meiner Schilderungen auch, warum ich die Darstellung von Welpen für die Adoption ablehne und auch Rückfragen zu den Welpen auf meinen Bildern gänzlich sinnfrei sind. Wer sich für einen sehr jungen Hund ab 15 Wochen aus diesem Lager interessiert, der sollte ein generelles Profil anfragen, Geschlecht, Farbe, langes, kurzes oder gelocktes Fell, voraussichtliche (!!!) spätere Größe und dann kann eine Adoption gelingen. Hier gibt es so viele verschiedene Welpen, da sollte für jeden „Geschmack“ etwas dabei sein.

Die vielen toten Welpen sind der Gesetzeslage und den politischen Entscheidungsträgern geschuldet, die lieber töten oder sterben lassen, statt die Kastration von Hunden flächendeckend voranzutreiben.
Und dass dieses ganze Einfangen und Lagern die Situation auf den Straßen von Ploiesti noch nicht maßgeblich verändert hat, kann man sehen. Tagsüber dachte ich erst, ok, ich sehe am Straßenrand liegende tote Hunde. Und hier und da auch mal eine tragende oder säugende Hündin, aber so im Großen und Ganzen … Doch dann war ich an einem der letzten Abende noch mit Mihaela unterwegs, um kurz vor 23 Uhr in einem Supermarkt und dann fuhren wir noch quer durch die Stadt. Und dann konnte ich sie sehen: Gruppen von Hunden, die meisten noch jung. Eine Gruppe von 12 bis 15 Hunden tobend auf den Sandbergen einer Baustelle zwischen den Fahrbahnen. Mir stockte ein wenig der Atem. Andere über die Bürgersteige streifend und mehrere ältere Hunde brav vor dem Supermarkt wartend, ob jetzt zur nächtlichen und kühleren Stunde etwas für sie abfällt. Heute Morgen sah ich dann bei der Fahrt ins Lager einen jungen Hund mit schwerer Hauterkrankung vor unserem Auto ins Buschwerk am Straßenrand flüchten. Was für ein erbärmliches Leben mit wie viel Leid dieses kleine Geschöpf führen muss.

So freut es mich umso mehr, dass in meiner ersten Woche hier im Lager auch ein Kastrationstag von ProDogRomania (PDR) stattgefunden hat. Wie viele Hunde kastriert wurden, habe ich nicht genau mitbekommen, aber bestimmt an die 20 Hunde. Zumindest zwei tragende Hündinnen waren dabei und ich bin froh, dass nicht weitere Welpen in dieses Nichtleben hineingeboren werden. Und ich bin dankbar dafür, dass wir als Hamburger Tierschutzverein für jeden übernommenen Hund eine weitere Kastration in Höhe von 21 Euro übernehmen. Alles nur Tropfen, aber aus all den Tropfen werden Rinnsale, Flüsse und …, na ja, jedenfalls hoffe ich das.

Fütterung von Schweineköpfchen.Fütterung von Schweineköpfchen.Berichten möchte ich Ihnen nach längerem Nachdenken auch von der Fütterung von Schweineköpfen, die mich kurzzeitig etwas aus der Fassung gebracht hat, weil es für mich so paradox war. Ich habe mich gefreut, dass es wieder ein Tag mit Fütterung war. Die Hunde sollen alle jeden zweiten Tag Trockenfutter bekommen, finanziert durch PDR und unterstützt durch Spenden anderer. Die Tierschützerinnen hier vor Ort überwachen dies, weil sonst schon mal geschludert wird. Und eigentlich soll an den anderen Tagen dann das gefüttert werden, was die Verwaltung dem Lager zur Verfütterung zur Verfügung stellt, also Schlachtabfälle oder Supermarktabfälle. Wird aber nicht immer eingehalten.

Diesmal aber gab es etwas, Schweinekopfhälften, und kurz hatte ich das Gefühl, dass die Bilder dieser Fütterung für meinen „veganen“ Magen zu viel sind. Da reißen zwei Hunde an so einem reizenden Schweinegesicht, kaut einer genüsslich auf einem Ohr oder einer Schnauze.

Jedes dieser Schweine hätte genauso mein Mitgefühl und meine Fürsorge erhalten, wenn ich es lebend angetroffen hätte, wie diese Hunde hier. Immer wieder sage ich mir, dieses Schwein ist nicht für diese Hunde gestorben. Es ist nach einem kurzen und erbärmlichen Leben getötet worden, weil Menschen meinen, Schweine essen zu müssen. Und das Gesicht dieses Schweins ist dem Menschen gar nichts wert, deshalb haben nun die Hunde was zu essen.

Später musste ich immer wieder denken: Und auch deshalb ist es für mich so wichtig, dass Hunde und Katzen kastriert werden. Weil es dann auch weniger andere Tiere bräuchte, die als Futter verbraucht werden. Aber es bleibt eine der Dilemma-Situationen, in denen man sich im Tierschutz wiederfindet.

Auf meinen Bildern konnten Sie bereits eines der überfüllten Welpengehege sehen. Mihaela, die den Bereich betreut, gab mir ihr Einverständnis dort einen Test zu machen und so habe ich veranlasst, dass es etwas ausgehoben wird. Zehn Zentimeter der Kotschicht und dem darunterliegenden leider sehr lehmigen Boden wurden entfernt. Dann habe ich mir erlaubt, etwas von dem Stroh zu nutzen, dass PDR bereits für den Winter angeschafft hat und wir haben einen ganzen Packen Stroh in dem Gehege verteilt. Was für eine Freude für die Welpen und uns Menschen! Die Welpen haben am Anfang wie verrückt getobt in dem Stroh und deren Kot arbeitet sich in das Stroh gut ein, Urin sowieso. Einer der mit Spenden bezahlten zusätzlichen Arbeiter hat nun heute Morgen eine dünne Stroh-Schicht entfernt, aber noch nicht nachgefüllt. Ich will beobachten, wie viel Stroh man für dieses eine Gehege benötigt, sprich wie hoch die monatlichen Kosten sind. Ich habe schon gemerkt, dass die Idee nicht schlecht angekommen ist, denn nun können die Arbeiter zum Füttern sowie die Tierärztinnen und Mihaela dort hineingehen, ohne selbst nach kürzester Zeit von den Welpen mit Unmengen Kot beschmiert worden zu sein und die Welpen selber sind natürlich auch viel sauberer. Das tägliche Saubermachen braucht sehr wenig Zeit und ist im Gegensatz zu so vielen Aufgaben, die die Arbeiter hier haben, leicht und angenehm. Es wäre wohl auch hinnehmbar, wenn nur jeden zweiten Tag etwas Stroh entfernt und dann nachgefüllt wird. Mal sehen, ich jedenfalls bin super zufrieden mit dem Testbeginn und froh, nun eine noch einwöchige Probephase mitzuerleben. Sicher, es ist vielleicht nur eine Lösung für dieses eine Gehege, aber immerhin sind dort über 40 Welpen untergebracht. Vielleicht kann es beispielgebend sein für die Welpenbereiche. Ich übernehme dann gerne eine Strohpatenschaft für das Gehege.

Die Tierärztinnen arbeiten an sieben Tagen der Woche hier an diesem grässlichen Ort, nur die wenigen Wochen ihres Urlaubs sind sie nicht hier. Ansonsten arbeiten sie Woche für Woche durch. Keine Ahnung, ob man in Deutschland für so einen Job Tierärzte finden würde. An Catalina und Irina sehe ich aber, was es heißt, wenn der Tierarztberuf auf einer Berufung zum Helfen beruht.
Dieser Sonntag war ein guter Tag. Ich versuche nicht nur die Ankunft der Hundefänger mitzubekommen, sondern auch, wenn „ normale“ Leute auf das Gelände kommen. Manchmal kommt jemand, weil der eigene Hund gesucht wird, manchmal kommen Leute, die einen haben wollen.

Zu Letzteren: In meiner bisherigen Zeit hier gab es keine Adoption eines Hundes. Zweimal wollten Leute einen Hund haben, junge Männer mit martialischem Auftritt, die sich nur für Rottweiler und –wie ich sie nenne – „Listenhunde“ interessierten und an deren Gehegen stehen blieben. Ich war beide Male heilfroh, dass sie ohne Hunde wieder abzogen. Und ich wäre bereit gewesen, die vorhandenen weitgehend zum Menschen freundlichen Rottweiler so zu triezen, dass diese Typen Angst vor ihnen bekommen und sie nicht haben wollen. Und bei allen Welpen mit dem entsprechenden Style würde ich sofort behaupten, die seien alle für Hamburg reserviert, wenngleich das aus bekannten Gründen leider absolut unmöglich ist. Ich stelle mich immer wie Lieschen Doof zu solchen Gesprächsrunden dazu und latsche freundlich grinsend mit, wenn sich umgeschaut wird. Für die Vermittlung ist der Tierarzt des Lagers zuständig, der auch ansonsten gar nichts zu tun hätte, weil er außer Euthanisieren nichts kann. Die rumänischen Tierschützerinnen sind auch immer sehr aufmerksam, wenn es um Interessenten geht, denn auch in Rumänien gibt es organisierte Hundekämpfe. Interessanterweise können all diese unangenehmen Typen und auch der Lagerarzt mir nicht mal eine Sekunde in die Augen schauen. Wissen sie vielleicht doch, wie unmoralisch ihr Handeln beziehungsweise ihre Interessen sind? Und für einen ganz kurzen Moment wird mir wieder klar, dass es noch schlimmere Orte gibt an denen ein Hund existieren muss als in diesem Lager: im Pit für Hundekämpfe, im Labor für Tierversuche.

Aber heute am Sonntag kam ein älteres Ehepaar, das seine Hündin suchte. Keine armen Leute, sie sahen eher ein wenig wohlhabend aus für rumänische Verhältnisse. Sie waren sehr aufgeregt, die Frau verstand ein ganz kleines bisschen Englisch. Ich sprach sie mit Lady an – das ist die höfliche Ansprache in Rumänien für erwachsene Frauen – und ließ die beiden nicht mit den Hundefängern allein. Von meinem vorherigen Aufenthalt wusste ich, dass Leute, die ihren eigenen Hund suchen, eher abgewimmelt oder zu Bereichen geführt werden, wo nie neue Hunde hingebracht werden. Wir gingen stattdessen direkt zu den winzigen Zwingern, in denen die neuen und kranken Hunde untergebracht sind. Dort fanden sie ihre Fetita. Nun bekam ich mit, dass sie bis Montag warten sollten, bis sie ihre Fetita wiederbekommen, weil die Verwaltung am Sonntag nicht besetzt ist. Für die ältere, sehr freundliche, aber auch etwas verwirrte Schäferhündin hätte das Schlimmes bedeuten können. Die Frau war hartnäckig, verwies auf den Impfpass von Fetita, sie hat einen Microchip, ist geimpft und – wie ich erfragen konnte kastriert –, nur eben etwas im anliegenden Park alleine spazieren gegangen. Aber all das sollte nichts ändern. Als das erschütterte Ehepaar unverrichteter Dinge wieder zum Ausgang gebeten wurde, weinte Fetita herzzerreißend. Ich suchte nach einer der Tierärztinnen und bat sie um Hilfe. Catalina spricht sehr wenig Englisch, aber sie verstand sofort, dass ich mich in Not fühlte und ein Problem hatte und ich bat sie schnell mit dem Chiplesegerät nachzuschauen, ob Fetita einen Chip hat. Wir konnten ihn einlesen und folgten mit dieser „wichtigen Information“ schnell dem Paar und den Hundefängern. Nun wurde wieder viel diskutiert und auch irgendeine Telefonnummer herausgegeben und – keine Ahnung was geschah – nach einigem Hin und Her und Telefoniererei durften sie Fetita mitnehmen. Die Lady bedankte sich vielfach bei mir auf Englisch und Rumänisch und segnete mich. Und wir hatten beide Tränen in den Augen dabei. Das war das zweite Mal in der Zeit, in der ich hier bin, dass ich mitbekommen habe, dass Leute nach ihrem Hund gesucht und ihn auch gefunden haben. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wieso die Halter ihre Hunde streunen lassen, wenn die Lager hier für neu eingefangene Hunde so gefährlich sind und die Gesetzeslage so ist wie sie ist. Aber ich denke, auch in Rumänien kennen lange nicht alle Leute das „Hundegesetz“ und bevor sie nicht das erste Mal in Bucov waren, können sie sich die Verhältnisse nicht vorstellen. Erzählt wird den Bürgerinnen und Bürgern jedenfalls von offizieller Seite, dass es ein guter Ort für Hunde ist. Dazu gibt es sogar Fernsehberichte, erzählten mir die Tierschützerinnen. Und im letzten Jahr bekam ich mit, wie Leuten, die ihren Hund abgaben, sogar von Angestellten des Lagers erklärt wurde, dass die Hunde alle gut nach Deutschland und in andere Länder vermittelt werden. Was für erbärmliche Lügen. Interessant, dass Politik und Verwaltung zu den tatsächlichen Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht stehen wollen, aber das gibt es ja nun wahrlich nicht nur in Rumänien. Und noch etwas anderes ist wichtig zu wissen, die schon immer und noch immer übliche Hundehaltung in Rumänien ist die „Ums-Haus-rum-Haltung“. Und nun sollen die Leute aufgrund der Hundegesetze nur noch mit ihren Hunden mit Leine raus dürfen oder sie in Zwingern halten. Fragen wir uns mal einen Moment, wie lange es in Hamburg dauern würde, bis alle Einwohnerinnen und Einwohner eine solche Verhaltensänderung nicht nur akzeptieren, sondern auch umsetzen würden. Stellen wir uns vor, eine entsprechende Regelung würde ab sofort in Hamburg für Katzen gelten …

Eigentlich wollte ich Ihnen noch von dem wunderschönen Rüden erzählen, der von den Männern seiner Familie hier abgegeben wurde und den rumänischen Tierschützerinnen, die sich hier tageweise einbringen, aber schon jetzt habe ich so viel geschrieben und ich habe keine Ahnung, wie interessant das alles für Sie ist.

Mal sehen, was der eben angebrochene Montag bringt …


Hier geht es zur Bildergalerie.

Und hier finden Sie den Auftaktbericht sowie den ersten, dritten und vierten Bericht aus Bucov.