Vierter Bericht aus dem Hundelager Bucov

Die junge Gretel hat sich ihr Ausreiseticket selbst gesichert.Die junge Gretel hat sich ihr Ausreiseticket selbst gesichert.5. August 2015

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich zu Beginn meiner Tierschutzreise geschrieben habe, der erste Tag im Lager ist der schwerste, dann war das nicht richtig. Der letzte Tag ist der schwerste, heute geht mein Flug zurück.
 

Ich sitze nun vor meiner Pension und nehme innerlich Abschied. Mihaela wird mich in einer Stunde abholen und zum Flughafen fahren. Ich habe entschieden, heute Morgen nicht nochmal für zwei Stunden in das Lager zu gehen, was hätte ich auch Sinnvolles tun sollen in der wenigen Zeit, aber schwerer wog für mich, dass ich tatsächlich auch etwas Zeit brauche, um wieder in meiner normalen Welt anzukommen. Und so nutze ich diesen Morgen, um Ihnen zu schreiben.

Der letzte Tag ist der schwerste, das ist so. Das Gefühl, die Hunde im Stich zu lassen ist so überwältigend, da kommen keine noch so klugen Argumente gegen an.

Sie hat mein Versprechen ...Sie hat mein Versprechen ...... das namenlose Mädchen.... das namenlose Mädchen.

Ich habe gestern im Lager die endgültige Auswahl der Hunde getroffen, die nunmehr Mitte August zu uns nach Hamburg kommen können. Ich werde sie Ihnen vorstellen. Und Ihnen sicher an der Auswahl noch einiges über das Lager Bucov und seine Bedingungen erläutern können. Ich war dankbar, dass ich Mihaela überzeugen konnte noch einen meiner kleinen Pfleglinge in eine Tierklinik zur Intensivbehandlung zu bringen. Ich habe in den zwei Wochen ihre drei Geschwisterchen sterben sehen. Dieses kleine namenlose Mädchen hat immer weiter gekämpft und ganz vielleicht hat sie eine Chance. Ich habe ihr und Mihaela mein Versprechen gegeben, sie zu mir zu nehmen, wenn sie es schafft. Aber diese Versprechen sind einfache Versprechen, denn in aller Regel werden sie durch den Tod eingelöst.

Neuankömmlinge.Neuankömmlinge.Links der alte Kerl.Links der alte Kerl.

Gestern wurden neun erwachsene Hunde, ein toter Hund und zwei ältere Welpen von den Hundefängern eingeliefert. Ich habe sie wie alle Neuankömmlinge um Vergebung gebeten für das, was ihnen von uns Menschen angetan wird. Unter den Neuankömmlingen war ein sehr alter, ehemals sehr kräftiger Rüde mit einem deformierten Schädel, dem ich anmerkte, dass er das Bedürfnis hatte, sich gleich gegen die jungen Rüden in der drangvollen Enge durchzusetzen. Ich habe darauf bestanden, ihn in den einzigen leeren Zwinger umzusetzen. Leer ist dieser Zwinger nur für wenige Stunden, denn er wird jetzt schon als Aufwachbereich für die frisch kastrierten Hunde dienen müssen. Außerdem habe ich den heute für die Kastrationszuführung zuständigen Mitarbeiter inständig gebeten, diesen Rüden nicht mit der Schlinge zur Kastration zu bringen, sondern ihn an der Leine zu führen. Dafür habe ich etwas getan, das hier nicht gerne gesehen wird: Ich bin gleich in den Zwinger mit den Neuankömmlingen und habe den alten Rüden mit einer Fangleine so sanft wie es nur ging aus diesem Zwinger geholt. Die Neuankömmlinge wurden zu anderen Hunden dazu gepackt und ich verstehe, dass man da erst mal abwartet, bis sich so eine Gruppe beruhigt, aber ich hatte keine Zeit mehr. Ich musste immer wieder denken, was hast du alter Kerl schon alles erlebt, hast Jahre auf der Straße zugebracht, schlimme Dinge überstanden, einen schweren Unfall oder Schlag, der die große Narbe auf deinem Schädel verursacht hat, überlebt und warst aber auch immer dein eigener Herr, konntest entscheiden, wo du bleibst und wohin du gehst. Musstest sicher viele Kämpfe ausfechten, aber hast auch Zuwendung durch Menschen erfahren, denn sonst wärst du niemals gleich so freundlich zu mir.

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die meinen, dass das Streunerleben für Hunde an sich ein schlechtes Leben ist. Hätten wir eine Chance, die Hunde auf den Straßen Rumäniens zu kastrieren, zu impfen und dann wieder freizulassen, könnten viele Hunde ein gutes Leben führen. Nicht jeder Hund braucht menschliche Bevormundung und ein Körbchen, manchen von ihnen ist ihre Unabhängigkeit und Freiheit ganz bestimmt mehr wert. Jetzt wird der alte Rüde in diesem Lager sterben, den Lebensraum, den er kannte, dürfen wir ihm aufgrund schwachsinniger Gesetze nicht mehr zurückgeben. Eine Chance auf Adoption ist fast nicht vorhanden und ob wir ihm damit einen Gefallen tun würden, müssten wir erst genau prüfen. Nach der kurzen Zeit mit ihm kann ich das nicht beurteilen. Als ich ging, blieb mir nichts, als ihn und die anderen nochmals um Vergebung zu bitten.

Gestern habe ich aber auch Aniela und Mihaela gezeigt, welche Hunde ich nun für den Augusttransport ausgewählt habe. Eine schwierige Aufgabe, wie Sie sich sicher ohne weiteres vorstellen können. Wenn sie dann ankommen, werde ich mich freuen können, aber hier kommen auf jeden Hund, den ich auswähle mehr als 100, die ich zurücklasse. Wie soll sich da ein gutes Gefühl einstellen?

Elena ...Elena ...... und Elena.... und Elena.

Elena – so habe ich die kleine Hündin getauft, die die große Elena vor einigen Tagen auf unserer gemeinsamen Fahrt in das Lager einfangen konnte – habe ich in die Obhut der Volontärinnen überantwortet. Die Tierärztinnen schauen nach ihr, aber noch ist nicht klar, ob sie ihre neurologische Staupe bereits überstanden hat und die Zuckungen ihrer Hinterläufe ein zurückgebliebener Schaden sind oder ob sich die Staupe noch weiter in diesem kleinen ausgemergelten Körper breitmacht. Elena ist eine Kämpferin. Sie schnappte beim Einfangen wie wild um sich und auch jetzt noch, wenn man sie berühren möchte. Aber ich konnte sie bereits ohne Schwierigkeiten aus der Hand füttern. Wenn etwas Leckeres drauf war, war die Hand nicht bedrohlich und sie hat sogar, untypisch für junge Hunde, sofort ganz vorsichtig von meinen Fingern gegessen. Auch diese Aufgabe werden die Volontärinnen von ProDogRomania fortführen, sodass Elena lernen kann, dass die Hand etwas Gutes ist und ihre Behandlung durch die Tierärztinnen einfacher wird. Auch Elena hat mein Versprechen, aber Sie wissen ja …

Selbstverständlich habe ich jetzt viel mehr Hunde in meinem Kopf als nur die zwölf, die wir im August aufnehmen können, aber wir müssen schauen, welche Kapazitäten wir haben und welche das schwere Leben im Lager so gut überstehen, dass sie auch noch ausreisefähig sind, wenn wir sie aufnehmen können.

Im August kommen hoffentlich zu uns:

Yemina – sie ist schon so lange in der Galerie von ProDogRomania und ich hatte sie schon vor meiner Reise ausgesucht. Wenn ein Hund so lange in der Galerie ist, dann scheint er für Adoptanten nicht interessant zu sein, die sich über das Foto und die Beschreibung für einen Hund entscheiden. Wir haben in Hamburg aber gute Erfahrungen mit den lange Ungewollten gemacht, oft konnten wir die erwachsenen, nach den Jahren im Lager genügsam gewordenen, Hunde recht zügig in zuverlässige Zuhause vermitteln. Yemina lebte in einem der ehemaligen Death Kennels, zusammen unter anderem mit Heinrich, der ja vor einiger Zeit zu uns kommen konnte und bereits seit Längerem sein wunderbares Zuhause genießen darf. Ich habe Yemina zunächst nicht gefunden, obwohl sie genau in dem Auslauf war, in dem Anna von ProDogRomania sie zuletzt gesehen hatte. Keine Ahnung, ob sie in der Mittagshitze nicht aus einem Erdloch gekommen war oder ich einfach überfordert war, sie in dem Gewusel zu erkennen. Zweimal habe ich nach ihr geschaut und sie nicht gesehen, erst bei meinem dritten Versuch, an den ich schon nicht mehr glaubte, war sie auf einmal da beziehungsweise erkannte ich sie. Nun ist sie dabei.

Auch Homer lebt schon länger in den bisherigen Death Kennels und ich war sofort hingerissen von ihm. Er lag, wie vor ihm schon Heinrich, besonnen und ruhig auf einer der noch zu wenigen Hundehütten und ertrug die Eintönigkeit stoisch. Ich hatte ja berichtet, dass ich auch nach Hunden geschaut habe, die dem Anforderungsprofil potenzieller Adoptanten entsprechen. Und Homer ist so einer, der nun schon Interessenten hat. Aber selbst wenn es nichts wird, weiß ich, dass dem älteren großen Kerl jeder Tag in unserem Tierheim in Hamburg wie ein Tag im Paradies vorkommen wird.

Yemina.Yemina.Homer.Homer.Tuva.Tuva.

Und endlich Tuva. Sie wissen, sie ist lange für den Hamburger Tierschutzverein reserviert, aber zunächst hat eine schwere Bissverletzung und dann ihre Hauterkrankung die Ausreise vereitelt. Auch jetzt wird sie noch unserer weiteren intensiven Pflege bedürfen. Immer wieder hat sie sich auch ihre noch heilende Haut bei den Versuchen uns Tierschützerinnen hinterherzukommen an den Gittern ihres Geheges aufgerissen. Ihr Weinen ist kläglich, aber ich konnte es viel besser ertragen als das Weinen der anderen, denn ich weiß ja, was Tuva nicht mal träumen kann, sie wird bald in ihr neues Leben fahren.

Vino.Vino.Vino ist ein Hunde-Opi, der im sogenannten Vethaus lebt, in einem ganz kleinen Innenzwinger mit anderen kranken Hunden. Er selbst ist nicht mehr krank, aber die Tierärztin Irina hat ihn länger behandelt. Sie bringt es nicht übers Herz, ihn in einen der Ausläufe zu setzen, weil sie große Sorge hat, dass er da zum Opfer wird. Sie gewährt ihm aber täglich Auslauf auf dem Gelände, solange sie da ist und dann stromert er ein wenig umher. Die Leiterin unserer Seniorenstation im Tierheim, die unser Rumänienprojekt ganz wunderbar mitträgt, hatte ihn eh schon als einen der nächsten Kandidaten ins Auge gefasst und jetzt war mir klar, dass er unbedingt auf den nächsten Transport muss. Denn die drangvolle Enge in den 16 Innenzwingern des Vethauses ist für die vielen kranken Hunde dort kaum erträglich. Jeder der dort raus kann, ist auch ein Gewinn für die anderen.

Paula, eine junge Schönheit, aufgeschlossen und super verträglich. Sie gehört in die Kategorie der sehr gut vermittelbaren Hunde, denke ich, und damit hatte sie ihr Ausreiseticket.

Paula.Paula.Gretel.Gretel.

Die Junghündin Gretel ist ein Jumper, das heißt sie ist eine von denen, die immer wieder aus ihrem Gehege klettern. An einem der letzten Tage habe ich viel Zeit mit den Rottweilern in ihren Einzelzwingern verbracht. Sie sind nun deutlich besser untergebracht als in den für sie klitzekleinen Außenzwingern des Vethauses, aber Räume, in denen ein Hund sein Leben verbringen sollte, sind es nun auch wieder nicht. Es ist wie so vieles im Lager nur die beste Lösung, die man derzeit dort verwirklichen kann. Nichts, was einen zufriedenstellen kann. Als ich meine Beobachtungsarbeit bei den Rottweilern abgeschlossen hatte, war Gretel, die da noch keinen Namen hatte, an meiner Seite und so blieb das dann auch für den Rest des Tages, stets war Gretel in meiner Nähe. Das Leben „free in the yard“ ist für die Hunde viel angenehmer, aber gerade so eine zarte junge Hündin wie Gretel kann da auch mal unter die Räder kommen, das sollte nicht passieren bis zum nächsten Transport, denn Gretel hat sich selbst ihr Ticket gesichert. Sie war jetzt eine aus dem Heer der Junghunde, die noch in keiner Galerie sind, die für mich ein Gesicht hatte.

Tic.Tic.Tic hat seinen Namen, da er nach einer überstandenen Staupe einen Tick zurückbehalten hat. Er zuckt ständig mit der Schnauze und dadurch speichelt er auch und schlabbert beim Trinken. Seine Fostermami Jeni hat mich ganz dringend gebeten ihn mitzunehmen, da er schon so lange bei ihr ist und in der Vermittlung – ohne dass die Leute ihn vorher kennen und schätzen lernen können – keine Chance hat. Jeni hat mir ganz genau gezeigt, wie man das Essen für Tic zubereiten muss, damit er eigenständig und gut essen kann. Sie formt aus Trockenfutter, Reis und Nassfutter einen Ball, den sie in die Mitte eines Napfes mit etwas höherem Rand legt, davon schnappt sich Tic dann erfolgreich Stücke ab. Jeni hat mir versprochen, sofort einen anderen Hund mit einem Staupetick zu sich zu nehmen, den ich zuvor im Lager gesehen hatte und dessen Tick weniger auffällig ist. Jeni beherbergt derzeit 31 Hunde in ihrem Haus, die allermeisten aus dem Lager Bucov. Wenn nun also Tic zu uns nach Hamburg kommen kann, hat auch noch ein weiterer Hund etwas davon. Außerdem geben diese Ausreisen auch von gehandicapten Pfleglingen der Fostermami Jeni die Kraft, ihre Tierschutzaufgabe weiter zu meistern.

Rosel, die Schreierin. Die kleine Rosel hat sich auf die Ausreiseliste geschrien. In den zwei Tagen, in denen die beiden Volontärinnen und ich mit Nachdruck an der Reinigung des Vethauses und dem damit möglichen Austausch der – Entschuldigung – völlig versifften Holzpaletten gegen Plastikkörbe gearbeitet haben, lebte die kleine Hündin noch im Vethaus. Dort ist es stets recht laut, aber wenn die Hunde sich an die Anwesenheit von bestimmten Menschen gewöhnt haben, wird es etwas besser. Nicht so bei Rosel, sie hat immer lauter geschrien, gejault und verzweifelt versucht, zu uns zu kommen. Nachdem ich sie einmal in ihren Zwinger zurücksetzen musste, weil sie sich durch ein Loch im Drahtgeflecht durchgequetscht hatte, gab es gar kein Halten mehr. Nachdem sie einmal auf meinem Arm war, hat sie noch viel lauter nach mir geschrien. Wir haben sie dann aus dem Vethaus, da auch sie dort nur noch saß, weil nirgendwo Platz für so einen kleinen Hund war, in das von meinem kleinen Auslandstierschutzverein finanzierte Gehege gesetzt. Auch dort hat sie uns stets herbeigeschrien, aber es geht ihr dort schon mal besser. Doch da dieses Gehege ja eigentlich den vielen Welpen dienen soll, reist sie mal besser ganz schnell nach Hamburg. Ich habe sie Rosel genannt und ich kann schon jetzt sagen, sie ist kein Hund, der alleine bleiben kann.

Rosel.Rosel.Liviu.Liviu.
Karl.Karl.Margo.Margo.

Liviu ist ein ganz fröhlicher junger Kerl, der für mich wieder in die Kategorie der gut vermittelbaren Hunde fällt. Er lebt zusammen in einem Gehege mit dem schwarzen kleinen Karl, für den ein Tierschutzfreund von Mihaela das Ausreiseticket in Höhe von 150 Euro übernehmen möchte, wenn der kleine Rüde endlich ausreisen kann, und mit einer reizenden Junghündin, die nun Margo heißt. Ich fand den Gedanken tröstlich, dass die drei zusammen kommen können und Gretel sicher gut zu dem Trio passt und gleich Spielkameraden hat. In diesem Gehege leben nun noch vier Hunde, zwei davon, die sehr schön und aufgeschlossen sind, habe ich mir gemerkt und wenn sie nicht auf anderem Wege in ein neues Leben finden oder ihr Leben in Bucov lassen, werden auch sie noch vor dem Winter zu uns kommen. Zwei andere, noch sehr schüchterne, kleine Hündinnen aus diesem Gehege, die mich stets nur gemeinsam aus ihrer Hundehütte misstrauisch beäugt haben, bräuchten spezielle Pflegeplätze in Deutschland. Ein Tierheim wie das unsere ist für so schüchterne Hunde nur im absoluten Ausnahmefall der richtige Ort. Sicher ist es hart, wenn man auswählt, wer eine Chance bekommt und wer nicht, aber nach meiner Ansicht leiden die Hunde, die den Menschen meiden, in Bucov deutlich weniger als die Hunde, die die Nähe des Menschen suchen und häufig genug gerade mit diesem Verhalten die dortigen Arbeiter provozieren und ständige Zurückweisung erfahren.

Friedel.Friedel.Und dann ist da noch Friedel, auch so einer, der irgendwann aus seinem Gehege oder Zwinger ausgebüxt ist und keine Lust hat, da drin wieder zu leben. Auch er lebt „free in the yard“, aber immer wenn man schaute, war der kleine Kerl da, wo mehr als ein Mensch war, war auch Friedel und immer freundlich und höflich. Setzte man sich auf eine Bank, um zum Beispiel eine Fruchtschnitte zu essen, war – schwupps – Friedel unter der Bank und grub sich eine kleine Kuhle. Er ist kein Raufer, kein Angsthund, einfach ein toller stiller Begleiter. Klar, mal ordentlich mitkläffen mit den anderen, das geht schon auch. Aniela war sehr froh als ich ihn auswählte und ihm einen Namen verpasste. Hunde mit Namen haben schon eine Stufe auf dem langen Weg in ein gutes Leben außerhalb des Lagers erklommen, ohne Namen ist Hund hier gar nichts, besser Hund hat noch ein Foto und eine Beschreibung. Aber dafür muss auch jemand Zeit haben und das ist schwer, sind doch stets Notfälle, Neuankömmlinge und tausend andere Aufgaben auch zu erledigen.

Mittlerweile bin ich am Flughafen von Bukarest und auch die Fahrt hierher war nochmal ein besonderer Teil meiner zweiten Tierschutzreise nach Rumänien. Mihaela holte mich ab und wir machten uns auf den Weg und bereits am anderen Ende von Ploiesti, vor dem Standesamt, fiel uns, während wir an einer Ampel standen, eine kleine ältere Hündin mit einer deutlichen Hauterkrankung auf. Sie lief verwirrt zwischen den vielen Passanten, die sich nicht kümmerten, auf und ab. Wir verständigten uns kurz, dass wir versuchen wollten, sie einzufangen, aber ohne jeden Stress. An dieser viel befahrenen Straße hatten wir Angst, dass sie zwischen die Autos läuft. Mihaela parkte sobald möglich schräg auf dem Bürgersteig und ich versuchte, sie zu locken. Sie kam auch auf mich zu, dann hielt sie kurz inne, ich versuchte es ein zweites Mal mit Trockenfutter, tatsächlich war sie daran nicht interessiert, näherte sich aber meiner Seite, sodass ich sie ohne Weiteres hochnehmen und ins Auto tragen konnte. Da hat meine Sitznachbarin im Flugzeug aber Glück gehabt, dass die Omi nicht Kot oder Urin hat fließen lassen, saubere Sachen zum Wechseln hatte ich keine mehr.



Mihaela sagte mehrfach auf der Fahrt, dass es immer wieder so sei, nirgendwo könnte man unterwegs sein, ohne auf einen Hund zu treffen, der Hilfe benötigt und sie sagte auch mehrfach, dass es Schicksal war, dass die alte gebrechliche Omi genau dann vorbeikam, als wir in der Ampelschlange halten mussten. Sie lag die ganze Fahrt ganz ruhig auf der Rücksitzbank, wollte weder Wasser noch Trockenfutter. Als ich sie so angelehnt an meinen Rucksack erschöpft dösen sah, war ich mir ganz sicher, sie hat Hilfe gesucht und ich bin dankbar, dass sie sie in Mihaela und mir finden konnte. Am Flughafen nahmen Mihaela und ich sehr bewegt, aber auch flott voneinander Abschied, denn nun war es wichtiger, die Hündin in eine Tierklinik in Bukarest zu bringen, mit der Aniela und Mihaela zusammenarbeiten.

Auf dem Flughafengelände angekommen dann die nächste Überraschung: Vor mir sehe ich eine Gruppe von Leuten mit drei Flugboxen mit Hunden. Ich bin zu ihnen, habe mich vorgestellt und erfuhr, dass ich Garofita Hofmann von Dog Rescue Romania und Tierschützer aus der Schweiz getroffen habe. An diesem schweren letzten Tag ein echt gutes Gefühl zu sehen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die über Grenzen hinweg agiert. Für Robert Goldbach, der schon oft in Bucov geholfen hat und den die Tierschützerin von Dog Rescue Romania ganz wunderbar lobte, werde ich gebeten, Grüße mit nach Deutschland zu nehmen. Die Tierschutzwelt ist klein, aber glücklicherweise auch nicht mehr sooo klein.

Nach der Gepäckaufgabe streife ich durch den Duty-Free- und Essbereich in der festen Überzeugung, dass hier für mich nichts interessant ist. Dann sehe ich den Falafelstand, der mit Veggie-Essen wirbt und ich bin hocherfreut, nehme ein hervorragendes veganes Essen zu mir und glaube kurz daran, dass Tierschutzfortschritt möglich ist, auch in Rumänien. Liebe Tierschutzreisende, bitte esst an diesem Stand, damit er überlebt in der Tierqualwelt von Burgern und Whoppern um ihn herum.

Nun bin ich zuhause. Ich kann noch kein Resümee dieser zweiten Rumänienreise ziehen, dafür ist alles noch zu dicht an mir dran und ist das Gefühl, einem übermächtigen Elend gegenüber gestanden zu haben, zu vorherrschend. Die Betrachtung der Bilder, die ich in den letzten beiden Tagen gemacht habe und die ich nun versuche für diesen Bericht auszusuchen, nehmen mir den Atem und treiben mir die Tränen in die Augen. Nichts kann wiedergutmachen, was der Mensch allerorten anderen Lebewesen, auch denen seiner eigenen Spezies, antut. Der Leiter der Baumaßnahmen für das Wasserprojekt hat zu mir an einem Tag gesagt, da kann nur Gott helfen. Da habe ich ihm in meinem schlechten Englisch in einem Gefühlsausbruch heftig entgegnet, es gibt keinen Gott und wenn doch, dann ist das hier nicht sein Job. Den Streunern Rumäniens zu helfen ist unser aller Job, denn wir Menschen haben diese Situation verschuldet. Kein Gott und kein Hund können etwas dafür. Ich glaube, er und sein etwas betroffen dreinblickender Mitarbeiter haben mich ein wenig verstanden oder auch nicht.

Ihre Sandra Gulla


Hier finden sie die Vorgeschichte: Den Auftaktbericht sowie den ersten, zweiten und dritten Bericht aus Bucov.