Erster Reisebericht aus dem Hundelager Bucov: Vieles ist besser, aber noch lange nicht gut!

Sie möchte raus.Sie möchte raus.24. Juli 2016

Das erste Wochenende im Hundelager Bucov liegt hinter mir und jetzt am Sonntagabend schreibe ich meinen ersten Reisebericht. Zunächst: Die vielen lieben Wünsche, die mich erreicht haben und mich nun begleiten, haben mich sehr berührt. Ich bedanke mich aufs Herzlichste auf diesem Weg dafür.

So fühle ich mich auch sehr motiviert, über diese Tierschutzreise zu berichten für die, die bereits anteilnehmen und für die, die sich ein Bild machen wollen von der Reise, aber auch von den Bedingungen in dem staatlichen Hundelager, aus dem die Hunde stammen, die der HTV seit dem Jahr 2014 regelmäßig im Rahmen seines europäischen Tierschutzprojektes aufnimmt.

Ich vermag hier nicht das Große und Ganze zu erklären, ich versuche Sie ein bisschen mitzunehmen und freue mich, wenn Sie Interesse haben, auch an den Reiseberichten der letzten Jahre und so hoffe ich, dass sich ein Bild für Sie zusammenfügen kann.

Bucov hat mich wieder! Und so sehr ich mich auch immer wieder über mich selbst wundere, ich freue mich hier zu sein. Ich war ein wenig überrascht, wie schnell ich mich wieder zurechtgefunden habe und in die Arbeit einsteigen konnte, so kann ich auch nach zwei kurzen Tagen – denn am Wochenende schließt das Hundelager auch für uns Tierschützer zwischen 12 und 13 Uhr – doch schon ein bisschen was berichten:

Etliches hat sich zu 2014 und 2015 verbessert!

Die Wassersituation ist deutlich besser, alle Ausläufe und Zwinger waren an diesem Wochenende regelmäßig mit Wasser versorgt. Dank ProDogRomania e.V. gibt es Wasserwagen, Wassertröge. Egal, welche Arbeit man hier macht, auf bestimmte Umstände, eben zum Beispiel ob die Hunde bei der Hitze Wasser haben, achtet man alsbald reflexartig.

Wo Wasser- und Futtertröge fehlen oder kaputte zu ersetzen sind, hoffe ich in meiner Zeit hier zu erfassen und soweit Material vorhanden ist, werden wir es verteilen. Aber die Arbeitsorganisation bei der Wasservergabe ist offensichtlich besser geworden, es funktioniert besser und zuverlässiger. Von zwei Wasser-/Futterwagen, die ich mit kaputten Rädern gefunden habe, wurde heute am Sonntag bereits einer repariert.

Es gibt deutlich mehr Dächer über den Ausläufen, besonders dank der Bautrupps aus Deutschland, an denen zum Teil auch HTV-Mitglieder beteiligt waren. Zum letzten Einsatz lesen Sie gerne den Bericht meiner Vorstandskollegin Daniela Esser. Aber der erforderliche Witterungsschutz ist immer noch ein großes Thema, jetzt brauchen die Hunde überlebensnotwendig Schattenplätze, in den anderen Jahreszeiten Schutz vor Regen und auch Schnee. Für einen Auslauf mit einer Mutterhündin und zwei Welpen, die neu im Lager sind und in den neuen „Ankunftsausläufen“ sitzen, haben wir heute provisorisch mit Plane etwas Schatten geschaffen. Aber das hilft nur kurzfristig. Ehrenamtliche Bautrupps bringen eine nachhaltige und tolle Hilfe für die Hunde, es ist so klasse, wenn sich dafür Aktive finden.

Die Müllsituation ist besser, das heißt, es liegt weniger Müll auf dem Gelände und das sogenannte Vethaus, in dem sehr viele Hunde untergebracht sind, wird kontinuierlicher gereinigt und so hat sich die sehr schwere Situation für die dort eingepferchten Hunde etwas verbessert.

Ein weiterer Grund, neben des kontinuierlichen Einsatzes von ProDogRomania e.V., für die Verbesserungen könnte sein, dass nun ein Verwaltungsdirektor für das Lager zuständig ist, der auch in der Woche vor Ort ist und die Lagerleitung nunmehr den Vorgesetzen zumindest zeitweise vor Ort hat.

Direktor Sandu und ich haben ganz weltmännisch Karten ausgetauscht, eine etwas absurde Situation inmitten des Gestanks und Lärms, den so viele Hunde nun mal verursachen und den kein Bild einfangen kann. Aber ich habe mich gefreut, dass er mich gleich am Samstag begrüßt hat und Interesse am Austausch bekundet hat. Der erste Tag macht auch mich aufgrund der Vielzahl der Eindrücke, der scheinbar unendlichen Menge an Hunde-Gesichtchen, in die man schaut und die einen so aufmerksam beobachten, etwas sprachlos und so bin ich froh, dass wir den Austausch dann in den kommenden Wochen intensivieren können.

Aber bitte, immer wenn ich schreibe, etwas ist besser, heißt das noch lange nicht, es ist gut. Bucov ist und bleibt ein staatliches Hundelager. Die allermeisten Hunde werden hier bis zu ihrem Lebensende bleiben und häufig genug ist das schnell erreicht, auch ohne systematisches Töten. Drei tote Welpen und ein zur Hälfte von anderen Hunden aufgegessener Junghund sind meine Bilanz der ersten zwei Tage und natürlich sehe ich nicht alle toten Hunde.

Es sind die Begegnungen, die für mich trotz aller Belastungen jede Tierschutzreise zu einer besonderen und auch schönen Erfahrung werden lassen.

Eine Begegnung hat mir am Samstagmittag kurz die Fassung genommen und ich stand an diesem so widersprüchlichen Ort mit Tränen vor einem Auslauf. Mit Freudentränen. Der alte Kerl! Ich habe am ersten Tag den alten Kerl wiedergetroffen. Niemals hätte ich gedacht, dass er hier ein Jahr durchhält. Alle, die ich in dem Jahr gebeten hatte, nach ihm Ausschau zu halten, hatten mir nichts berichten können. Und nun sehen wir uns wieder, in den ersten Stunden in Bucov. Ich habe dann bei ihm im Auslauf eine kurze Pause eingelegt, er lebt dort mit drei weiteren Hunden, der Auslauf ist einer der besseren. Er erschien mir nicht unzufrieden. Er ließ sich von mir anfassen, etwas streicheln, fand das interessant, aber er ist auch schnell brummelig. Ein alter Kerl eben. Sein körperlicher Zustand ist schlecht und so war es gut, dass er seine Hütte verlassen und sich mir gezeigt hatte. Ich habe die Tierärztin Catalina gebeten, den alten Kerl zu behandeln. Sie hat sich bei mir bedankt und wird das nun machen. Die beiden durch ProDogRomania e.V. bezahlten Tierärztinnen sind unmöglich in der Lage, den Hundebestand von wahrscheinlich über 1500 Hunden im Auge zu behalten, daher ist ihnen jede Hilfe willkommen. Der alte Kerl wird sein Leben im Lager beenden, aber wenn ich jetzt ein klein wenig dafür tun kann, das es ihm ein bisschen besser geht, freue ich mich. Der alte Kerl macht auf mich nicht den Eindruck, dass es ihm lieber wäre, noch auf den Straßen um sein Leben kämpfen zu müssen und ein betreutes Zuhause hatte er wohl eh nie. Aber vielleicht ist alles auch anders und er hat sich nur in sein Schicksal gefügt.

Auch die Begegnungen mit Menschen sind ein wunderbarer Teil einer Tierschutzreise. Es ist gut, dass ich wieder Aniela und Mihaela unterstützen kann, von beiden werde ich sicher noch viel berichten. Jetzt am Wochenende waren aber auch viele rumänische Tierschützerinnen zum Arbeiten im Lager. So konnten Elena und ich uns aufs Herzlichste begrüßen und ich konnte ihr mit Übersetzungshilfe berichten, dass unsere Hunde-Elena, die wir im letzten Sommer zusammen in elendigem Zustand eingefangen hatten, sich nicht nur im Hamburger Tierheim weiter erholt hat, sondern auch recht schnell, obwohl sie eines der Sorgenfellchen war, die wir aufgenommen haben, Adoptanten gefunden hat. Da hatte nun Elena Tränen in den Augen.

Unter den etlichen Frauen, die an ihren Wochenenden für die Hunde im Lager ehrenamtlich arbeiten, war heute auch ein junger rumänischer Mann. Ein Anfang, vielleicht.

Die allermeisten der rumänischen Tierschützerinnen kannte ich schon aus den Vorjahren und es ist, als ob man alte und gute Bekannte trifft. Jede macht so gut sie kann und was sie kann. Keine Zeit für viele Worte oder gar Auseinandersetzungen, sondern einfach arbeiten. Ich merke, dass sie sich freuen, mich zu sehen und ich freue mich über deren unermüdliches Engagement unter so schwierigen Bedingungen. Und so ist dann das Hundelager Bucov auch mal ein Ort der Freude.

Aber auch eine neue Bekanntschaft begeistert mich. Emily ist für sechs Wochen als Volontärin von ProDogRomania e.V. im Hundelager im Einsatz. Sie ist eine junge selbstbewusste Frau, die richtig anpacken kann und anpackt. Als Tierarzthelferin bringt sie nötiges Grundwissen mit, aber viel wichtiger sind ihre Haltung zur Arbeit und ihr unerschrockenes Engagement. Einen Satz von unserem ersten Abend werde ich nicht vergessen. Sie sagte sinngemäß: Das hier ist schon anstrengend und belastend, aber diese besondere Erfahrung werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich denke sogar, diese Erfahrung wird ihr Leben verändern, sie weiß jetzt einmal mehr, was sie zu leisten in der Lage ist und wie wesentlich es sein kann, wenn sie sich für etwas wirklich einsetzt.

Eine Frage der Vorsitzenden von ProDogRomania e.V kann ich bereits nach diesem Wochenende beantworten: Ja, die Anschaffung weiterer Hundetransport-Wagen erscheint mir als sinnvoll. Ein solcher Wagen ist im Einsatz und Vet Catalina nutzt den Wagen regelmäßig, um Hunde auf dem Gelände zu transportieren. Aber auch erste Einsätze durch die Arbeiter konnte ich beobachten. Der Einsatz solcher Wagen könnte eine erhebliche Erleichterung für die Hunde bedeuten, die dann nicht mehr unter Einsatz der Fangstange über das Gelände geschleift werden würden und dabei Todesangst ausstehen und teilweise heftige Verletzungen erleiden. Ich könnte mir vorstellen, dass die Arbeiter die Wagen nutzen, weil es auch für sie einfacher ist. Die Veränderung dieser Arbeitsabläufe wird Zeit brauchen, mit Widerständen ist zu rechnen und ständige Erinnerungen von Aniela und Mihaela oder auch dem Direktor werden nötig sein, aber es besteht die Chance, dass sich der Umgang mit den Hunden dadurch wieder ein wenig verbessert.

Heute war nicht nur Sonn-Tag im wahrsten Sinne des Wortes: Wir haben hier Temperaturen gut über 30 Grad bei meist wolkenfreiem Himmel. Heute war auch Roxy-Tag! Tierarzt Paul Popescu und ich hatten gestern besprochen, dass die große Hündin Roxy dringend geschoren werden muss. Vet Popescu, wie wir ihn hier nennen, hat viele der Transporte nach Deutschland als 1. Fahrer begleitet und so konnte ich ihn schon oft in Hamburg begrüßen. Vet Popescu hat eine richtig gute Schermaschine aus seiner Praxis mit ins Lager gebracht und mich gebeten, ihm zu assistieren, was dann so richtig gar nicht nötig war, denn Roxy ist eine unfassbar brave und liebevolle Hündin. So entstand eher eine Fotostory über die Befreiung von Roxy. Die Fotos zeigen deutlich, was für wunderbare menschenbezogene Hunde in den Lagern auf eine Chance warten und derweil ein trauriges und viel zu oft aussichtsloses Leben fristen. Roxy ist einer von den so vielen Hunden, die alle Lügen strafen, die nicht müde werden zu behaupten, von der Straße in die Lager kämen nur Hunde, die für ein Zusammenleben mit Menschen nicht „gemacht seien“.

Oft kommen Hunde allerdings in einem sehr schlechten Fell- und Pflegezustand nach Deutschland und das wird auch die Regel bleiben. Roxy hatte zweifach Glück: Vet Popescu und ich hatten die Zeit, diese Arbeit zu tun und, sehr wichtig, Roxy haust in einem der engen Außenzwinger des sogenannten Vethauses mit nur drei weiteren Hunden. Hier konnten wir genau schauen, wie die anderen Hunde nach der Schur auf sie reagieren. Denn ein geschorener Hund wird von seinen bisherigen Zwingerkollegen anders wahrgenommen. Die Körpergestalt ist gänzlich anders und auch der Geruch ändert sich schlagartig und so kann es ohne Beobachtung zu schweren Kämpfen in einer Gruppe kommen. Daher ist, trotz des Bedarfes, die Befreiung von Roxy eine Ausnahme. Ihre Hauterkrankung kann jetzt gut behandelt werden und auch die Bisswunden, die sie davongetragen hat, als sie in einem der großen Ausläufe war, können jetzt besser behandelt werden und schneller heilen. Ich hoffe sehr, Roxy findet ganz schnell Adoptanten oder einen Platz in einem Tierheim.

Jeder Tag hier lässt mich nur inniger wünschen, nie in meinem ganzen Leben zu den Menschen zu gehören, die meinen, man könne eh nichts ändern bzw. die, wenn sie nicht gleich die Welt verändern können, erst gar nicht damit anfangen es zu versuchen, aber ich möchte auch niemals zu denen gehören, die immer genau wissen, was die anderen zu tun haben, die Rumänen, die Politiker, die Unternehmen, die anderen Tierschützer, die Gerichte. Ich tue lieber, was ich kann. Dazu gehört auch, Ihnen so gut ich es vermag zu berichten, bald, wenn Sie mögen, wieder.

Hier geht es zu den Fotos.


Ihre Sandra Gulla
1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins von 1841 e. V.
Projektkoordinatorin Auslandstierschutz Rumänien


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