Vierter Reisebericht aus Bucov: Einblicke in die Tötungsstation Campina

Diese Hündin konnten wir aus Campina mitnehmen.Diese Hündin konnten wir aus Campina mitnehmen.14. August 2017

Zwei Wochen war unsere 1. Vorsitzende Sandra Gulla auf Tierschutzreise im rumänischen Ploiesti. Was gemeinsam mit weiteren Tierschützerinnen im Hundelager Bucov noch erreicht werden konnte und wie der Besuch der Tötungsstation Campina ablief, erfahren Sie in ihrem Abschlussbericht.

 

 


 

Liebe Leserinnen und Leser,

hier aus meinem ruhigen Arbeitszimmer umgeben von meinen auch während meiner Abwesenheit wohlbehüteten Tieren berichte ich Ihnen nun von den letzten sehr ereignisreichen Tagen meiner diesjährigen Tierschutzreise nach Rumänien. Es war mir nicht möglich eher zu berichten, habe ich doch akzeptieren müssen, dass mich diese zwei Wochen mental angestrengt, aber körperlich definitiv an meine Grenzen gebracht haben.

Direktor Sandu erschien am Mittwoch, wenn auch etwas verspätet, zum vereinbarten Rundgang im Hundelager Bucov. Sein regelmäßiger Arbeitsplatz befindet sich im angrenzenden Zoo. Sein Kommen hatte sich sicher herumgesprochen, denn alle Arbeiter waren rege, selbst der Hof wurde gefegt.

Anna Langhammer, die 1. Vorsitzende von ProDogRomania, und ich konnten bei dem Rundgang nochmal alle Themen ansprechen, die wir uns zuvor überlegt und gut vorbereitet hatten. Direktor Sandu sagte uns zu, die geschlossenen Holzpaletten in den Vet-Kenneln durch solche aus Plastik zu ersetzen. Schon die Holzpaletten waren ein Fortschritt aus dem letzten Jahr, aber jetzt sind sie durch die regelmäßige Reinigung mit Wasser und die Beanspruchung durch die leider immer noch zu vielen Hunde in den Vet-Kenneln stark ramponiert.

Auch unser Wunsch vom Vortag, dass die Tierärztinnen bessere Arbeitsbedingungen benötigen und endlich auch Tierärztin Catalina einen geschützten Arbeitsbereich braucht – denn sie arbeitet seit Jahren bei jedem Wetter unter freiem Himmel – nahm etwas Gestalt an. Direktor Sandu schwebt es vor, ein Holzhaus zu errichten. Wir baten darum, im Dach dieses Hauses ein Strohlager einzurichten. In dem im vergangenen Jahr vom Bautrupp eingerichteten Strohlager ist mittlerweile eine Gruppe größerer Hunde untergebracht.

Besonders wichtig war uns auch auf die Notwendigkeit der regelmäßigen Reinigung der Kennel hinzuweisen. Bisher wird nur punktuell und sporadisch gereinigt. Wir hatten den Eindruck, auf Verständnis gestoßen zu sein. Wir werden sehen, ob sich die Situation verbessert. Sicher müssten dafür mehr Arbeiter im Lager eingesetzt werden.

Mir war es sehr wichtig, auch Direktor Sandu darum zu bitten, keine Kennel kleiner als fünf mal fünf Meter zu bauen, auch und gerade für die Welpen, denn die Welpen- und Junghundezwinger sind schnell sehr überfüllt, gerade weil es möglich ist, dort viele Tiere zusammenzupferchen, ohne dass es zu schlimmen Zusammenstößen unter ihnen kommt. Aber sie werden größer und dann sind die Zustände sehr schnell dramatisch. Auch die sogenannten gefährlichen Hunde, derzeit vor allem AmStaffs, Rottweiler, Cane Corso und ein Bullterrier-Mischling, bräuchten dringend mehr Platz, ihre Vermittlungschancen sind sehr gering, wahrscheinlich werden sie ihr Leben in den kleinen Zwingern verbringen.

Sicher alles keine großen Würfe, aber bisher hat es sich bewährt, kontinuierlich Verbesserungen zu fordern, die auch realistisch umsetzbar waren. Ich denke, auf diese Weise hat ProDogRomania diese Verhandlungsposition erreicht, selbstverständlich wirken auch die großen Spendensummen, die dort investiert werden, in Futter, Baumaßnahmen, medizinische Versorgung und Kastrationen.

Besuch der Tötungsstation Campina

Nach dem Rundgang brachen Anna und ich gemeinsam mit Mihaela Teodoru, Tierärztin Catalina und Volontärin Katja zu einem ganz besonderen Ausflug auf. Wir fuhren in die Tötungsstation Campina. Wir bekamen dafür einen großen Tiertransporter des Zoos von Direktor Sandu gestellt und Mihaela Teodoru erklärte uns mehrfach, dass es ihr und Tierärztin Catalina nicht möglich ist dorthin zu fahren, ohne dann auch Hunde mitzunehmen und damit ihr Leben zu retten. Eigentlich hätte sie mir das nicht erklären müssen. Ich hätte es nicht ertragen, mich der Besichtigung zu stellen, wenn ich nicht von der ersten Minute an gewusst hätte, dass es gleichzeitig für einige der Insassen eine Rettungsaktion wird.

Die kommunale Tötungsstation Campina liegt wie das staatliche Lager Bucov in dem Regierungsbezirk Prahova. Das dritte staatliche Lager in dem Bezirk, der vergleichbar mit einem Bundesland in Deutschland ist, ist das Tötungslager Bacoi. Die Kommune Campina mit rund 30.000 Einwohnern hat die Station an einen Unternehmer als Betreiber verpachtet, der angrenzend seinen Metallbau betreibt.

Zuerst nahmen wir den Gebäudebestand wahr. Es gibt ein festes Gebäude, die Ausläufe haben Betonböden, die Zäune sind stabil, der Außenzaun geschlossen, grundsätzlich keine schlechte Ausgangssituation. Die Besetzung der Ausläufe ist angemessen, was jedoch auf dem Umstand beruht, dass hier regelmäßig getötet wird.

Der Vizebürgermeister von Campina kam zum vereinbarten Termin in Begleitung der zuständigen Polizeichefin. Der Bürgermeister ist jung und spricht sehr gut Englisch, das machte es Anna und mir einfacher, unsere Fragen beantwortet zu bekommen. Wir stellten eine Vielzahl von präzisen Fragen zu den Bedingungen des Lagers, den beteiligten Akteuren, den Rahmenbedingungen. Selbstverständlich interessierte uns besonders, wann und wie die Tötungen vor sich gehen. Wir bekamen überraschend präzise Antworten. So wie wir es verstanden haben, wird dann getötet, wenn niemand die Hunde abnimmt. Eine klare Regelung, dass die Hunde nach einer bestimmten Verweildauer oder bei einer bestimmten Anzahl getötet werden, wird uns nicht dargelegt. Wir durften alle Bereiche und Räume besichtigen. Das Betreten des gefliesten und mit Käfigen ausgestatteten Tötungsraums löste bei uns allen Beklemmungen aus und ich verbot mir, mir vorzustellen, welche Szenen sich ganz genau dort abspielen.

Bei der gesamten Besichtigung und dem Gespräch mit dem Vizebürgermeister bekam ich einen Eindruck, den ich schon bei Direktor Sandu und auch bereits bei seiner Vorgängerin Laura Moagher hatte: Ich habe den Eindruck, dass diese Personen kein Interesse haben, als rückständig oder unzivilisiert angesehen zu werden. Ich meine, bei allen ein Veränderungsinteresse gespürt zu haben. So fragte uns der Vizebürgermeister auch mehrfach, was nun der nächste Schritt sei. Wir haben klar gemacht, dass es für jede Tierschutzorganisation, die sich vor Ort engagieren würde, zwei Vorbedingungen gäbe: Zuallererst muss das Töten gestoppt werden und dann muss als Betreiber ein praktizierender Tierarzt oder eine NGO gefunden werden. Wir haben erklärt, dass niemand in Deutschland oder anderen Ländern für eine Station spendet, in der getötet wird. Das wurde verstanden. Ich wünsche mir sehr, dass sich eine Auslandstierschutzorganisation finden wird, die sich vor Ort nachhaltig engagiert.

Nachdem sich der Vizebürgermeister verabschiedet hatte, kam der schwerste Teil dieses Tages auf uns zu. Schnell verteilten wir die Rollen. Anna wollte die Hunde einladen und nicht auswählen, wer mit kann. Tierärztin Catalina schaute sich bei den Welpen um: Alle waren krank, da in Tiere, die getötet werden sollen, keine medizinische Behandlung investiert wird. Mihaela erklärte, nach kranken Hunden schauen zu wollen, die schon bis zu ihrer Tötung erheblich leiden würden. Katja und ich beschlossen, in jeden Auslauf zu gehen und die mitzunehmen, die sofort freundlich auf uns zukommen, die sich hochnehmen und ohne Gewaltanwendung in den Transporter tragen lassen. Es wurde ein sehr ruhiges, konzentriertes Arbeiten. Eine alte AmStaff-Hündin ließ sich von mir am Zaun freundlich streicheln und leckte mir die Hände. Ich fragte mich kurz, ob ein lebenslanger Zwinger im Hundelager Bucov eine wirkliche Rettung für sie wäre und was die anderen sagen würden, wenn ich genau so einen Hund auswählen würde. Ich betrat den Zwinger und näherte mich ihr. Sie ließ das zu, auch vorsichtige Berührungen. Doch meinen Versuch wirklich nach ihr zu greifen, beantwortete sie mit offensivem Drohen. So musste ich von meinem Vorhaben absehen und sie zurücklassen. Woher sollte die Hündin auch wissen, dass ich es gut mit ihr meinte, wie sollte sie wissen, dass ich sie nicht in den gekachelten Raum, sondern in den Transporter bringen wollte. Mir blieb keine Zeit, traurig zu sein. Für jeden Hund in meinen Armen war ich dankbar, hatte aber gleichzeitig die Sorge, dass der Transporter viel zu schnell voll sein würde.

Katja, deren erste Tierschutzreise dies war, zeigte eine vorbildliche Haltung. Ganz bei den Hunden, nicht bei der eigenen Betroffenheit. Unsere Tränen oder unsere Trauer bringen den Hunden nichts, allein unsere Arbeit und unsere Stärke kann ihnen helfen.

Im Eingang eines kleinen Zwingers stehend, meinte ich dort keinen Hund zu sehen, den wir mitnehmen könnten, da alle ängstlich vor mir zurückwichen. Nur durch Zufall schaute ich genauer in eine der Hütten, erst Tierärztin Catalina machte mir klar, was ich dort sah. Eine Mutterhündin mit zwei gerade geborenen Welpen. Ich versuchte die Hündin aus der Hütte zu bekommen, aber wir waren wohl beide zu ängstlich. Ein Arbeiter des Lagers bot mir seine Hilfe an, die ich nur zu gerne annahm. Er trug die Hündin, ich die beiden frisch geborenen Leben. Ich wollte nicht, dass die Welpen für den Transport von der Mutter getrennt wurden. So bastelten wir schnell aus einem der leeren Papierfutter-Säcke eine kleine Höhle, denn die Welpen hätten bei dem Transport durch die Gitter der Käfige fallen können.

Mihaela fand eine Hündin, der erst vor Kurzem ein Unterschenkel abgebissen oder abgerissen worden war, auch sie bekam ihren Platz im Transporter. Catalina und Mihaela identifizierten insgesamt fünf tragende Hündinnen, alle nahmen wir mit. Auch alle sehr kleinen Welpen nahmen wir mit.

Der Arbeiter half uns weiter sehr engagiert, ein einfacher Mann, der sicher kaum leben kann von seinem dortigen Lohn. Ich spürte ganz genau, wie froh er über jeden Hund war, den wir mitnahmen. Er hörte gar nicht auf, mich anzustrahlen und mir fiel es in der Situation so schwer zurückzulächeln. Aber ich fragte, ob er Englisch spreche, ich verstand, dass er Spanisch sprechen konnte und ich suchte nach ein paar freundlichen Worten auf Spanisch, die ich bei meinen Tierschutzreisen dorthin gelernt hatte. Eine absolut merkwürdig-berührende Begegnung. Anna und ich waren uns sofort einig: Mit dem Mann könnte man arbeiten.

Wir nahmen insgesamt 45 Hunde mit. Die tragenden Hündinnen brachte ich auf Wunsch von Tierärztin Catalina alle am nächsten Tag zu Tierarzt Bratur zur Kastration. Es sollte kein weiteres Tier in dieses Leben geboren werden. Die gebärende Hündin bekam noch fünf weitere Welpen in der kommenden Nacht, einer starb. Wir hatten sie provisorisch in einem der Hundewagen untergebracht und ihr durch ein weißes Laken über dem Wagen Deckung verschafft. Mittlerweile lebt sie mit ihren Welpen in einem Auslauf mit einer weiteren freundlichen Mutterhündin. Die kleinen mutterlosen Welpen brachte Mihaela noch am Abend auf eine ihrer Pflegestellen, sie werden es trotzdem schwer haben zu überleben.
Am Donnerstag kümmerten wir uns um die Ausreisekandidaten für den Transport am Freitag. Den Hunden musste Blut abgenommen werden und wir mussten uns vergewissern, dass sie ausreisefähig sind.

Der Freitag, mein letzter Tag in Bucov, stand dann ganz im Zeichen der Transportvorbereitung. Die 13 Hunde, die nach Hamburg reisten, konnte ich alle sicher in den Transporter setzen. Vielleicht denken Sie, dies sei ein schöner Moment, aber tatsächlich ist es ein schwerer Moment, denn auch dabei lässt man viel mehr Hunde zurück, als man retten kann.

Bitte schauen Sie sich auch den Film an, der von Freunden von Mihaela Teodoru mit Anna bei unserem Aufenthalt in Bucov gedreht wurde. Es ist wichtig zu begreifen, was wir tun können.

Ihre Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des HTV und Projektkoordinatorin Auslandstierschutz

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