500. Hund aus Rumänien gerettet

Mit Caledonia hat der 500. Hund aus Rumänien sicher unser Tierheim erreicht.Mit Caledonia hat der 500. Hund aus Rumänien sicher unser Tierheim erreicht.29. März 2018

In der letzten Nacht konnten wir wieder 12 rumänische Hunde aus dem Hundelager Bucov willkommen heißen. Auch wenn die Ausreise für jeden einzelnen Hund ein Geschenk und jede Ankunft etwas ganz Besonderes ist, war diese eine besondere Jubiläums-Ankunft. Denn mit Caledonia konnte der HTV in Zusammenarbeit mit ProDogRomania den 500. rumänischen Hund seit Start des Auslandstierschutzprojektes im April 2014 aufnehmen.


HTV-Tierärztin Sonja Schirmer berichtet von der Ankunft und ihrer Haltung zum Auslandstierschutz:

Eigentlich erwarteten wir den Transport und unsere neuen Schützlinge ja bereits am letzten Wochenende. Aber erhebliche Schneefälle in Rumänien machten die Planung und den Transport hinfällig. Umso glücklicher waren wir nun, mit etwas Verspätung „unsere Hunde“ in Empfang nehmen zu können.

Mir als Tierärztin war es ein Anliegen, bei dem besonders emotionalen Moment der Ankunft dabei sein zu dürfen. Denn die Osterzeit ist auch mein persönliches kleines Tierschutz-Jubiläum, da ich Ostern vor 8 Jahren meinen ersten Hund aus dem Auslandstierschutz adoptierte. Ich möchte diese beiden Jubiläen zum Anlass nehmen, das Thema Auslandstierschutz aus tierärztlicher und persönlicher Sicht zu reflektieren.

Wie ich zum „Straßenhund“ gekommen bin

Ich hatte gerade meine letzte Stelle in einer sogenannten „Nutztierpraxis“ gekündigt, war frustriert und nachdenklich zugleich aufgrund der tierverachtenden Realitäten und reflektierte meine Berufswahl. Leider verkommt der tierärztliche Beruf in diesem Kontext ja eher zum Arzneimittelboten, was mir zu weit weg erschien von dem Jugendtraum, den ich verwirklichen wollte.  

Angesichts der neu erworbenen Zeit sollte nun auch endlich ein „Hundefreund“ ins Haus einziehen und so formulierte ich auch die E-Mail an einen tierärztlichen Kollegen, der gerade mehrere Hunde aus der spanischen Tötung gerettet hatte. Ein paar Tage später – Ostern 2010 – hatte ich den kleinen, halbstarken Coco auch schon aus der Pflegefamilie abgeholt und dieser drückte sich nun im kalten, verregneten, norddeutschen Frühling in jeden Hauseingang. Er hatte Angst vor Motorrädern, LKWs und ganz besonders vor Menschen mit Besen, Stöcken und ähnlichem. Nur wenn er andere Hunde sah – auch wenn es nur ein winziger Hund am Horizont war – gab es kein Halten mehr. Rückrufoption: Fehlanzeige.

Schon am ersten Abend hatte er die Ressourcen in meiner Wohnung abgecheckt und natürlich auch die besten Liegeplätze – wahlweise Sofa oder Bett – gefunden. Mir wurde klar, dass dieser Vierbeiner aus dem Auslandstierschutz etwas anders tickt als der Hund vom Züchter, mit dem ich aufgewachsen war.

Was mir an ehemaligen Straßenhunden so gefällt

Für mich sind „Straßenhunde“ so besonders, weil sie so clever und selbstständig sind, eigentlich unkompliziert und flexibel und doch echte Charakterköpfe bis Dickschädel. Sie sind dankbar und meist lebenslustig, als wüssten sie, dass ihr Leben schon mal kurz vor dem Ende stand. Natürlich „jaulen sie schon mal das Haus zusammen“ (sie kennen es einfach nicht, ganze 30 Minuten alleine in einer Wohnung zu sein), verstecken Knochen in Blumentöpfen (die Zeiten könnten wieder schlechter werden), zerlegen Schuhe und einiges mehr und fahren anfangs oft ungern Auto (kennt man nicht, sowas). Selbstverständlich muss an der Erziehung noch gearbeitet werden und wenn da dann auch noch Jagdtrieb ist (Podis, Galgos und Co) …

Nach kurzer Zeit war ich so verliebt in den kleinen Kerl, dass ich mich natürlich fragte: „Was ist mit dem Rest?“, den unzähligen anderen Hunden und auch Katzen in Spanien, Rumänien, Russland, Griechenland und überall? Schnell war der Entschluss gefasst, dass ich als Tierärztin einmal selbst dabei mitanfassen wollte, Straßenhunden zu helfen: entflohen, entwurmen, Fell entfilzen, Ohren säubern, Wunden behandeln und kastrieren. Mein erstes Debüt in einem „Kastrationseinsatz“ wurde dann eine Aktion auf der kapverdischen Insel Boavista vor der senegalesischen Küste. Dies war für mich eine eindrückliche Erfahrung und nein, es lief nicht alles glatt: Das vorhandene OP-Besteck war alt und schwergängig, die Organisation mangelhaft und die hygienischen Bedingungen dürftig, die Menschen aber freundlich und die Hunde großartig. Streunende Hunde sind hier nicht im Besitz von Einzelnen, sondern eher der Gemeinschaft, die sich auch kümmert und alle mit reichlich Reis und gekochtem Fisch versorgt. Natürlich haben diese Tiere Erkrankungen durch ungenügende medizinische Versorgung, aber so richtig schlimme Bilder bekamen wir hier zum Glück nicht zu sehen.

Da man aus Fehlern meist am besten lernt, fing ich an, in den Folgekampagnen alles selbst zu organisieren, zu planen, Listen zu schreiben und Spenden zu sammeln. Fortan glich ein Teil meiner Wohnung einem Lager für OP-Zubehör, Medikamente und allem, was man im Ausland so brauchen konnte. „Na, hat das Kastrationsfieber Dich gepackt?“, fragte der Kollege, durch den ich auf den Hund gekommen war. Dies konnte ich nur bestätigen – denn nur durch Populationskontrolle können wir wirklich die Schwemme von herrenlosen Hunden und Katzen eindämmen und letztendlich den einzelnen Tieren helfen. Nur so stehen genug Futter und andere Ressourcen für das einzelne Tier zur Verfügung und nur so kann man Menschen in den Ländern davon überzeugen, dass Töten keine Lösung ist. Aber das ist ein Prozess des Umdenkens, des Aufklärens und dies funktioniert leider nicht überall gleich gut und nie schnell.

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.“ (Mahatma Gandhi)

Leider muss man sich als engagierter Tierschützer immer wieder rechtfertigen, warum man denn jetzt Hunde schützt in Ländern, in denen vielleicht auch Menschen hilfsbedürftig sind. Ich war bei drei Kampagnen in Afrika vor Ort und habe letztendlich immer aus Teilen der Bevölkerung positives Feedback erhalten. Es gibt überall Tierschützer, Tierliebhaber und Tierhalter. Wir haben meist eng mit Einheimischen kooperiert, die uns auch ihre Tiere zur Behandlung und Kastration brachten.  Einige Einheimische haben über die Tierschutzvereine und privaten Tierheime Arbeit erhalten und konnten so ihre Familien ernähren. Wir haben viele Hunde gegen Tollwut geimpft, was wiederum auch den Menschen zugutekommt. Zudem hatten wir eine Vorbildfunktion und mussten diverse Fragen beantworten, u. a. wie wir Tierschutz in Europa praktizieren. Ich denke, dass Tierschutz und humanitäre Hilfe parallel sinnvoll sind und sich auch verzahnen können.

Tierschutz im zusammenwachsenden Europa

„Du kannst doch eh nicht allen helfen – es gibt doch in Deutschland schon genug Hunde.“ Auch dieser Satz ist immer wieder beliebt und wird meist wenig reflektiert von sich gegeben. Wie soll auch ein einzelner Mensch allen helfen? Das wäre schön, bleibt aber Utopie. Als einzelne Person kann ich immer nur einer bestimmten Anzahl Lebewesen helfen, seien es Kinder, Bäume oder eben Hunde. Aber denen, denen ich geholfen habe, habe ich vielleicht das Leben gerettet und das Leben ist immer das höchste Gut. Wenn viele Menschen kleine Schritte tun, dann erreichen wir gemeinsam eben doch Großes.

Wie kann sich jemand Tierschützer oder Tierfreund nennen, wenn er das Anliegen Tiere zu schützen nur auf Tiere eines Landes beschränkt? Das klingt absurd, irgendwie so, als wenn die Abholzung des Regenwaldes egal sei, wenn nur die Bäume vor der eigenen Haustür gut gepflegt sind. Solche Aussagen empfinde ich als kleingeistig, nicht weltoffen und somit nicht mehr zeitgemäß. Für mich bringt es ITV Grenzenlos auf den Punkt:

„In einem zusammenwachsenden Europa darf Tierschutz nicht an den Grenzen aufhören.“

Als Tierärztin helfe ich den Tieren, die Hilfe benötigen, egal aus welchem Land sie kommen. Ich habe mich in den letzten Jahren in Ägypten, Russland und Spanien wiedergefunden – immer zusammen mit Straßenhunden, Tierschützern, Volontären, Tiermedizinstudenten … Wir haben zusammengearbeitet, obwohl wir manchmal keine gemeinsame Sprache sprachen und trotzdem war meist klar, was zu tun ist. Für mich sind dies die großartigsten Erlebnisse meiner tierärztlichen Tätigkeit.

Aus diesem Grund habe ich es mir nicht nehmen lassen, bei der 55. Ankunft rumänischer Hunde im HTV dabei zu sein und habe mich hier ganz besonders um Spoky, Bonita und Nancy gekümmert. Der Transport traf trotz starkem Schneefall früher als erwartet gegen 0:30 Uhr ein. Mit viel Ruhe und Feingefühl wurden die Hunde aus den Transportboxen gehoben und nach Kontrolle der Reisepapiere zu ihrer Unterkunft begleitet. Der ein oder andere war verängstigt, wie z. B. der schüchterne Mowgli, der besondere Unterstützung benötigte. Als schließlich alle in ihren kuscheligen Körben saßen, bekamen Spexia, Lillie, Spoky, Jula, Freddy, Caledonia, Nancy, Emile, Mowgli, Tanika, Bonita und Ursu die erste Mahlzeit in Sicherheit. Da gab es natürlich kein Halten mehr und schnell waren alle Näpfe geleert. Trotzdem lief alles harmonisch und ohne größeren Futterneid oder Unstimmigkeiten zwischen den Hunden ab. Schnell legte sich bei den meisten auch die Angst und die Hunde zogen sich deutlich entspannter in ihre Körbchen zurück. Gegen 3 Uhr konnten wir guten Gewissens allen eine „Gute Nacht!“ wünschen, in der die weitgereisten Vierbeiner ihre wohlverdiente Erholung erhielten.

Ich wünsche mir für alle, dass sie so schnell es geht liebevolle Adoptanten finden, die ihnen mit Ruhe und Geduld einen guten Start in ein „neues Leben“ ermöglichen.

Bis dahin werden sie von uns umfassend tierärztlich behandelt, gepäppelt und gepflegt. Es ist mir eine Freude daran mitzuwirken.

 

Hier geht es zur Bildergalerie – die Fotos machte HTV-Tierheimleiterin Susanne David.