Die kleine Rosinchen konnten wir bereits wenige Wochen nach ihrer Ankunft vermitteln.

16. Juli 2015

Nele Feddern, Studentin der Kommunikationswissenschaften, wandte sich an den Hamburger Tierschutzverein, da sie im Rahmen einer studentischen Projektarbeit gerne eine Reportage über ein Tierschutzthema schreiben wollte. Besonders interessiert war sie an unserer Rumänienhilfe. So wurde vereinbart, dass sie als Fotografin an einer Ankunft rumänischer Hunde aus dem staatlichen Hundelager Bucov teilnehmen kann. Im Mai war es so weit und hier können Sie nun ihre Reportage lesen:

Es ist halb eins am Sonntagmorgen. Ich stehe vor der Glastür und betätige die Klingel. Hundegebell. Eine Frau kommt auf mich zu. Sie hat lange, dunkelbraune Haare. Hier und da graue Strähnchen. Sie lächelt, öffnet die Tür und stellt sich als Sandra Gulla vor. Zweite Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV), hauptverantwortlich für den ausländischen Tierschutz und damit für Hunde aus Rumänien.

Ich betrete den Empfangsbereich und treffe drei Frauen, die sich mir als ehrenamtliche Helferinnen vorstellen. Mit zwei der Helferinnen durchquere ich ein paar Büroräume, bis wir bei einer kleinen Küche Halt machen. Dort treffe ich auf einen weiteren Helfer, der Kaffee kocht. Zwei Jutebeutel mit Essen und Trinken werden gepackt. Das ist für die Fahrer. Gemeinsam gehen wir zurück in den Eingangsbereich.

Sandra Gulla wartet auf uns. Zusammen gehen wir raus und überqueren das Gelände des Tierheims. Unter einem erleuchteten Carport bleiben wir stehen. Auf ein paar an der Seite aufgebauten Tischen beginnt Sandra Gulla Zettel auszubreiten. Ich erkenne, dass es die Profile der rumänischen Hunde sind. Bereits im Vorfeld hat sich Gulla mit den Hunden befasst und sich Gedanken über eine mögliche Zusammensetzung gemacht. „Es ist sehr wichtig, die Charaktere der Hunde zu erkennen und zu wissen welcher Hund mit welchem gut kann“, sagt sie.

Wir stehen im Kreis zusammen. Plaudern über den HSV, Abstiegskampf, Relegationsplatz. Es ist viertel nach eins. Ich sehe zum Eingangstor und frage mich, in welcher Verfassung die Hunde hier ankommen. Sie waren knapp 35 Stunden unterwegs. Nicht jeder Hund verließ das Shelter in Rumänien in gutem Zustand.

In Rumänien ist nur ein toter Hund ein guter Hund!

Für uns gehört der Hund zur Familie. Wir reden, spielen und schmusen mit ihm. Wir vertrauen ihm Geheimnisse an und teilen Gefühle mit ihm. Für uns ist er der beste und treuste Freund. In Rumänien haben Hunde einen anderen Stellenwert.

Vor rund 30 Jahren entschloss sich Diktator Nicolae Ceausescu dazu, ganze Wohnsiedlungen abreißen zu lassen und neu aufzubauen. Die Anwohner wurden daraufhin umgesiedelt. Oft gab es für ihre Hunde keinen Platz in den Neubauten. Sie wurden auf der Straße ausgesetzt und vermehrten sich unkontrolliert. In der Hauptstadt Bukarest soll es über 60.000 streunende Hunde geben.
Bis ein entsprechendes Gesetz dies 2008 verbot, war die Tötung von Straßenhunden legal. Bei Hundefängern fand dieses Gesetz keine Beachtung. Für jeden gefangenen Hund erhalten sie nach wie vor eine Prämie in Höhe von fünfzig Euro, egal ob tot oder lebendig. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 400 Euro ist das in Rumänien ein lukrativer Verdienst.

Für die Lösung des Straßenhundeproblems werden vom Staat und der EU Millionen bereitgestellt. In den sogenannten Tierheimen kommt dieses Geld nicht an. Es versickert irgendwo zwischen Politikern und Hundefängern. In den Tierheimen ist die Situation desaströs. Unzählige Hunde werden auf engstem Raum gehalten, ungeachtet dessen, ob diese sich verstehen oder nicht. Es gibt keine Hygienestandards. Die Hunde schlafen zwischen Dreck und Fäkalien. Manche finden überhaupt keinen Schlaf. Futter gibt es zu wenig oder gar nicht. Wenn die Hunde nicht verhungern, sterben sie an Verletzungen und Krankheiten. Eine tierärztliche Versorgung gibt es nicht.

Einfangen, kastrieren, pflegen, wieder im Revier aussetzen – das ist der effektivste Weg, die Hunde langfristig und auf humane Art und Weise von den Straßen zu bekommen. Sorin Oprescu, ehemaliger Bürgermeister von Bukarest, plante eine Veränderung. Ende August 2013 veranlasste er eine groß aufgelegte Kastrationskampagne. Sein Vorhaben fand ein jähes Ende, als am 2. September 2013 zwei Brüder beim Spielen angeblich von Straßenhunden angegriffen wurden. Einer der Brüder starb an den Verletzungen. Dieser Vorfall ging durch sämtliche Medien und innerhalb einer Woche verabschiedete das rumänische Parlament ein Notfallgesetz, welches die Tötung der Straßenhunde erneut legalisierte.
Rumäniens Hundefänger werden immer skrupelloser. Sie entreißen Hunde aus den Händen ihrer Besitzer. Mit Gewalt und in Begleitung der Polizei.

Tierschutzvereine in ganz Deutschland und auch in anderen Ländern Europas sind aktiver denn je und machen auf das Leid rumänischer Straßenhunde aufmerksam. Sie sammeln Spenden und Futter, um die Situation vor Ort zu verbessern. Es werden Tierärzte entsandt, die sich um die Hunde kümmern und Kastrationen vornehmen. Andere helfen dabei, die Hunde von den Straßen zu holen und zu versorgen. Die Tierheime müssen umgebaut werden, damit die Hunde artgerecht gehalten werden können. Nicht zuletzt sind es die Vermittlungen in andere Länder, die für die Hunde einen Neustart bedeuten. An dieser Stelle setzt die Arbeit des HTV ein. In Zusammenarbeit mit ProDogRomania werden Hunde aus den Städten Ploiesti und Baîle Herculane regelmäßig nach Hamburg gebracht.

So auch heute Nacht.

Augenpaare voller Emotionen

„Langsam wird es kalt. Vielleicht gehen wir wieder rein und warten dort. Meistens kommt der Transporter genau dann, wenn wir wieder drinnen sind“, sagt Gulla. Als wir die ersten Schritte machen, sehe ich die Scheinwerfer des Transporters. Wir lachen. Alle gehen schnell zurück zum Carport. Der Wagen rollt langsam auf uns zu und kommt schließlich zum Stehen. Die beiden Fahrer steigen aus. Sie sehen müde und erschöpft aus. Die Chefin und der Fahrer tauschen ein paar Formulare aus. Der andere Fahrer steht neben uns, streckt sich und öffnet die Seitentür des Transporters.
Ich erblicke kleine Käfige die in Reihen an den Innenseiten des Wagens übereinandergestapelt sind. Blaues Licht erleuchtet den Innenraum. In der Mitte ist ein schmaler Gang. Der Fahrer befreit die Käfige von Kot und füllt die Wasserschalen mit frischem Wasser. Ich sehe in viele erwartungsvolle Augenpaare. Es sind keine traurigen oder aggressiven Augen. Einige Hunde sind aufgeweckt und neugierig. Sie verfolgen jede Bewegung und sind gespannt auf das, was als nächstes kommt. Andere sind müde. Sie haben sich zusammengerollt und sind unberührt von dem, was um sie herum geschieht. Einige gucken schüchtern, andere glücklich und erleichtert.

Ehrenamtliche Helfer nehmen die Hunde in Empfang.
Der Fahrer gibt den Helferinnen die europäischen Pässe der Hunde. Sie ordnen sie den jeweiligen Profilen zu. Die Chefin nimmt die ersten drei Profile mit den Pässen und ruft dem Mann im Innenraum des Wagens die ersten Namen zu. Es sind drei Gasthunde, die der HTV für 48 Stunden beherbergt. Danach werden sie bereits von ihren neuen Familien in Empfang genommen. Zweihundert Meter tragen die Helferinnen die Drei zum Hundehaus. Eine nach der anderen legt ihren Schützling im Zwinger ab. Jeder Hund bekommt seinen eigenen Schlafplatz. Es gibt eine Luke nach draußen. Sie beschnuppern und erkunden alles. Eine der Helferinnen bleibt bei ihnen. Ich gehe mit den anderen zurück, wo bereits die nächsten beiden Hunde auf uns warten.

Rosinchen und Piccolo haben es geschafft.

Rosinchen und Piccolo sind als nächstes an der Reihe. Gulla drückt mir Rosinchen in die Arme. Sie ist aufgeweckt und fröhlich, trotzdem merke ich, dass sie am ganzen Körper zittert. Ich versuche Ruhe auszustrahlen und möchte Rosinchen Geborgenheit und Schutz schenken. Behutsam trage ich sie zum Hundehaus und setzte sie zu Piccolo in den Zwinger. Ich schließe die Tür und bin dabei mich umzudrehen. Im Augenwinkel sehe ich, wie sich Rosinchen am Türgitter hochzieht, mich anguckt und freudig mit der Rute wedelt.

In diesem Moment verkörpert sie für mich all das, was diese Aktion bedeutet: Hunden die Chance auf ein würdevolles und glückerfülltes Leben zu ermöglichen. Nachdem jeder Hund in dem für ihn vorgesehen Zwinger ist, bekommt jeder eine große Portion Hundefutter. Allmählich kehrt Ruhe ein. Die Hunde suchen sich ihren Platz zum Schlafen. Ihre erste ruhige Nacht seit Langem.

Hier geht es zur Fotogalerie von der Ankunft (Fotos: Nele Feddern)