Respekt! HTV-Besuch im Kuhaltersheim

Auf Hof Butenland dürfen die Kühe ihren Lebensabend genießen.Auf Hof Butenland dürfen die Kühe ihren Lebensabend genießen.Zuerst ist nur ein leises Schnaufen zu hören – dann kommen sie um die Ecke: Anna und Chaya. Langsam trotten sie Richtung Stall. Die beiden sind zwei von 42 Kühen, die auf Hof Butenland im Kuhaltersheim leben. Erstmals stellte sich der Lebenshof am 5. Mai auf unserem Frühlingsfest vor.

Dass die beiden Kühe an diesem lauschigen Abend zum Hofhaus kommen, ist allein ihre Entscheidung. Von den Wiesen über den Kuhdamm, so nennt sich der Betonweg, vorbei an den Grünflächen zum Hof, sind Anna und Chaya gegangen, um ein bisschen Wellness zu genießen. Bedächtig, aber zielstrebig steuern die beiden die großen Bürsten am Stall an, die rotieren, wenn die Kuh gegen sie drückt. Und während Anna und Chaya die Fellpflege genießen, sind die anderen Kühe draußen auf den Weiden. Sie bestimmen, wann sie zum Stall kommen – oder auch das Wetter.

Kühe müssen jedes Jahr ein Kälbchen bekommen, damit wir Menschen dem Muttertier die Milch rauben können. Das Kalb wird der Kuh kurz nach der Geburt entrissen und mit Milchersatz getränkt. Die männlichen Kälber der sogenannten Milchrassen sind für die Milchindustrie wertlos. Ihre Mast ist nach rein wirtschaftlichen Kriterien nicht rentabel – daher werden die Tierkinder geschlachtet: für Wiener Schnitzel, Frikassee und Leberwurst.

Lebenshof-Gründerin Karin Mück verwöhnt Anna mit Streicheleinheiten.Lebenshof-Gründerin Karin Mück verwöhnt Anna mit Streicheleinheiten.Die Hochleistungsproduktion von Milch und die Trennung von ihrem Kalb bedeuten für die Mutter immensen Stress und Schmerzen. In der sogenannten Anbindehaltung, die jede vierte in Deutschland gehaltene Kuh in der Milchproduktion erdulden muss, werden die Tiere am Hals fixiert, so dass sie sich nicht umdrehen können. Sie können nur stehen oder liegen – eine unendliche Qual für die bewegungsfreudigen Weidetiere.

Eine Gesellschaft, die derartige Quälereien tatenlos duldet, hat keinen Respekt vor den Tieren, ihren Bedürfnissen und dem Leben. Der Hamburger Tierschutzverein zeigt seinen Gästen ab sofort, wie schmackhafte die tierleidfreien Alternativen zu Tiermilch sind. Die Umstellung im ehrenamtlich geführten SpatzenCafé erfolgte nach einer dreijährigen Übergangsfrist durch unsere sogenannten Veganbeauftragten Selina Härtel und Maren Kersten. Für diese Entscheidung haben wir viel Zuspruch erhalten, der uns Mut macht, diesen Schritt konsequent weiterzugehen.

Frank Wieding (HTV-Öffentlichkeitsarbeit) besuchte die Rinder auf dem niedersächsischen Lebenshof.Frank Wieding (HTV-Öffentlichkeitsarbeit) besuchte die Rinder auf dem niedersächsischen Lebenshof.Besonderen Respekt erleben die Tiere auf Hof Butenland, im Kreis Wesermarsch auf der niedersächsischen Halbinsel Butjadingen. Es ist der elterliche Hof von Jan Gerdes, der hier aufgewachsen ist und seit Ende der 70er Jahre lange Zeit konventionelle Landwirtschaft betrieben hat, später in einen Demeter-Hof umwandelte. Über mehrere Generationen wurden auf dem Hof Milch und Käse produziert. Doch Jan Gerdes musste einsehen, dass eine wirklich artgemäße Haltung, die gleichzeitig wirtschaftlich funktioniert, auch mit einem Biobetrieb nicht möglich ist, und gab 2001 die Milchkuhhaltung auf. Die wohl radikalste Veränderung auf dem Hof begann: Gemeinsam mit seiner Partnerin Karin Mück baute Jan Gerdes das Kuhaltersheim auf und gründete die Tierschutzstiftung Hof Butenland.

Wer über den Kuhdamm vom Hof raus zu den Weiden wandert, erlebt sofort, wie entspannt die Herde grast oder auf dem Boden liegt. Den Menschen zugewandt sind die Rinder neugierig, voller Vertrauen zu uns. Die Tiere schließen Freundschaften untereinander, empfinden Freude, vielleicht auch so etwas wie Glück. Zumindest aber haben sie das Glück, dass sie auf Hof Butenland nicht mehr als Lieferanten von Fleisch, Milch oder Kleidung ausgebeutet werden, sondern als Individuum alt werden dürfen – mit all den Folgen, die ein langes Leben auch bei Kühen hat, den Krankheiten und Altersbeschwerden. Butenland ist eine Oase des Friedens als Gegenentwurf zur brutalen Ausbeutung. Hier können die Kühe bis zu 30 Jahre alt werden, in der Milchindustrie sind die Tiere nach fünf bis sechs Jahren so ausgelaugt, dass sie im Schlachthof getötet werden.

Chaya schrie im Schlachthof um ihr Leben, entkam so dem Tod.Chaya schrie im Schlachthof um ihr Leben, entkam so dem Tod.Chaya sollte 2013 sterben. Doch sie schrie auf dem Schlachthof im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Und es passierte das, was nicht oft auf einem Schlachthof passiert: Eine Tierärztin rührte, wie sehr Chaya an ihrem Leben hing, wie entschlossen sie sich gegen ihre Schlachtung zur Wehr setzte. Die Veterinärin bat den Landwirt erfolgreich um eine Gnadenfrist für die kämpferische Kuh. So kam Chaya zu Karin und Jan.

Oder Anna, die nur die brutale Anbindehaltung kannte, bevor sie 2010 nach Butenland kam – und hier mit Lara die Freundin fürs Leben fand. Oft liegen die beiden auf der Weide nebeneinander, gelten längst als „die Zwillinge von Butenland“. Und Fiete, fast 1200 Kilogramm schwer, aber verspielt wie ein Kälbchen. Sehr gerne lässt er sich den großen Kopf kraulen – oder "seine“ Menschen machen Bekanntschaft mit seiner langen Zunge. Mit der Schleckerei zeigt der Kuschelochse seine besondere Zuneigung.

So gar keine Angst hat Puschek vor den Rinder-Kolossen. Auch wenn der Pekinesen-Mix mit dem bemerkenswerten Überbiss nur ein Bruchteil der Kühe wiegt, baut er sich im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten vor den Kühen auf. Die senken dann brav den Kopf – und so steht man sich dann Nase und Nase gegenüber.

Pekinesen-Mix Puschek ist immer dabei - auch als Rosa-Mariechen ein Bad nimmt.Pekinesen-Mix Puschek ist immer dabei - auch als Rosa-Mariechen ein Bad nimmt.Puschek, wegen seines eindrucksvollen Gebisses auch respektvoll „Graf Zahn“ genannt, ist auf Butenland der heimliche Chef und gibt den Ton an. Er ist überall dabei – teilt sich aber auch mit dem rumänischen Herdenschutzhund Kuddel das Kissen. Oder er sieht auf der Wiese nach dem Rechten, wo Sau Rosa-Mariechen und die anderen Schweine ihre Tage besonders gern verbringen. Rosa-Mariechen hat mit viel Glück die todbringende Massentierhaltung überlebt. Tierschützer fanden sie 2012 als Ferkel in der Ecke einer Mastanlage und retteten sie. Ratten hatten bereits ihren Kopf angefressen, in den Wunden hatten sich Maden entwickelt.

Nichts erinnert heute mehr an dieses Massentierhaltungs-Trauma, wenn die Sau ein Schlammbad nimmt. Oder wenn Schweinefreundin Erna, die im Versuchslabor gequält wurde, sich von Karin Mück so lange kraulen lässt, bis sie sich vor Wohlbefinden auf die Seite fallen lässt und die Augen schließt. Momente der Friedlichkeit, die einen kurz vergessen lassen, was der Mensch Tieren wie Rosa-Mariechen normalerweise alles antut, weil er in ihnen kein fühlendes Lebewesen, sondern nur das billige Schnitzel sieht.

Als Anna sich aufmacht, um nach dem Wellness-Ausflug in den Stall wieder auf die Weide zu ihrer Freundin Lara und den anderen Rindern des Kuhaltersheims zu wandern, stehen Jan und Karin, die beide vegan leben, zufrieden auf dem Hofplatz und schauen ihnen nach. Das Kuhaltersheim ist ihr Herzensprojekt. Und natürlich ist auch Puschek in diesem friedlichen Moment dabei.

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