Weitere Zeuginnen belegen Tierquälerei der Deichschafe

Ein sich selbst überlassenes, geschwächtes Tier abseits der Herde. Foto: privat vom 08.09.2019Pressemitteilung

Unserem Aufruf in den Medien, dass der Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V. (HTV) weitere Zeug*innen sucht, die Angaben zum Leiden der Schafe vom Moorwerder Hauptdeich machen können, sind etliche Hamburger*innen gefolgt. Innerhalb eines Tages haben uns rund 100 weitere Fotos und Videos erreicht! Wir sind dankbar für dieses Tierschutzengagement. Die Fälle von Tierquälerei, die uns bereits bekannt waren, haben weitere Zeuginnen bestätigt und ergänzt. Dabei handelt es sich erneut um Meldungen, die dem Bezirksamt Mitte zum Teil schon seit Monaten vorliegen.

Das zuständige Bezirksamt Mitte hätte aufgrund der gravierenden Verstöße gegen das Tierschutzgesetz umgehend handeln müssen. Und es hätte auch eine einfache Möglichkeit gehabt: die Aufkündigung des Vertrags. Denn der Deichschäfer ist Vertragspartner der Freien und Hansestadt Hamburg und wird mit Steuergeldern für die Beweidung der Deichflächen im Zuständigkeitsbereich Hamburg Mitte bezahlt. Während das Bezirksamt Mitte in seiner ersten Stellungnahme von Einzelfällen spricht, widerlegen die Aussagen der Zeug*innen dies ganz deutlich. Die Misshandlung, Vernachlässigung und fehlende medizinische Betreuung dauert seit Monaten an und regelmäßig liegen leblose Schafe auf den Weideflächen.

Hier einige Beispiele weiterer Zeugenaussagen, die uns seit gestern erreicht haben:

Die Herde drängt sich am Zaun, um etwas von dem wenigen Wasser abzubekommen, darunter völlig ausgemergelte Tiere (rechts, farblich markiert). Foto: privat, Ausschnitt aus einem Video vom 05.06.2019Ein Lammkadaver auf dem Deich: Das Tier wurde dort zurückgelassen. Foto: privat vom 03.07.2019- Eine Augenzeugin berichtet, dass sie mehrfach und zwar am 03.07., 09.07 und 30.07.2019 das Bezirksamt Mitte kontaktierte, nachdem sie erst ein verendetes Lamm auf dem Deich an der Harburger Chaussee entdeckte, später ein stark lahmendes Tier in der Herde sichtete und schließlich am 30. Juli beobachtet, dass für alle Schafe bei Temperaturen um die 35 °C kein Wasser zur Verfügung stand.
Bis heute blieb eine Rückmeldung seitens des Bezirksamtes an die Melderin aus. Eine Kontrolle seitens der Veterinär*innen erfolgte den gesamten Juli nicht.

- Eine weitere Zeugin teilt uns mit, dass sie die geschilderten Zustände zur Vernachlässigung der Tiere ausnahmslos bestätigen könne. Zuletzt sei sie am 08.09. auf ein krampfendes, zurückgelassenes Schaf auf dem Deich aufmerksam geworden. Die Melderin informierte sowohl die Polizei als auch das Bezirksamt Mitte und sorgte in den vergangenen Monaten mehrfach selbst dafür, dass die Tieren Wasser erhielten, da die Schafe völlig ausgedurstet sich selbst überlassen wurden.

- Eine weitere Zeugin ergänzt, dass sie bereits vor mehreren Wochen Eingeweide, vermutlich von Schafen, auf den Deichen fand. Zudem griff sie einen der Hütehunde des Schäfers verletzt und herrenlos auf einer vierspurigen Straße auf. Die Polizei wurde alarmiert und der Schäfer soll gegenüber der Zeugin angegeben haben, dass der Hund keiner medizinischen Behandlung bedürfe.

Ein mit Kabelbindern gefesseltes Tier wird verkauft. Foto: privat, Ausschnitt aus einem Video vom 22.07.2019Ein lebloses Lamm hängt am Haken in der Wäschekammer. Foto: privat vom 22.07.2019- Ergänzt werden die Aussagen durch eine weitere Zeugin, die bestätigen kann, dass am Moorwerder Hauptdeich regelmäßig Tiere durch den Schäfer durch Kehlschnitt getötet wurden. Auch diese Zeugin ist dem Bezirksamt Mitte bekannt, denn sie war sogar bei einer Kontrolle durch eine Amtsveterinärin vor Ort anwesend. Auf das Vortragen der erteilten Auflagen durch die Amtsveterinärin gegenüber dem Schäfer, soll sich dieser empört mit „darauf habe ich keinen Bock“ geäußert haben. Zudem sollen vor Ort immer wieder fragwürdige Verkäufe von Schafen stattgefunden haben. Den Tieren wurden mit Kabelbindern die Gliedmaßen gefesselt und die Schafe lebendig in Pappkartons verpackt.

Nach etlichen weiteren Zeugenaussagen und aufgrund der Presseberichterstattung sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass das Bezirksamt Mitte nunmehr verpflichtet ist, dem Schäfer die Tiere zu entziehen und in sachkundige Hände zu übertragen. Die Vielzahl der Verstöße und die gänzliche Uneinsichtigkeit des Schäfers bei allen Befragungen zeigen eindeutig, dass er nicht die Sachkunde und Zuverlässigkeit besitzt, um für das Wohl eines Tieres, geschweige von etwa 1.000 Schafen verantwortlich zu sein. Das Bezirksamt Mitte ist es den Tieren aufgrund des bisherigen ineffektiven Handeln schuldig, sie nunmehr umfassend zu schützen. Angebote zur Übernahme der Herde wurden dem Amt laut einer Zeugin gemacht, aber ebenfalls nicht beantwortet. Auch der HTV hat seine vollumfängliche Hilfe angeboten, die aber nicht erwünscht war.

Unsere Forderungen:

- Das Bezirksamt Mitte muss dem Schäfer umgehend die Tiere entziehen und diese in sachkundige und verantwortliche Haltung übergeben.

- Der derzeitige Schäfer vom Moorwerder Hauptdeich darf nie wieder von der Freien und Hansestadt Hamburg als Deichschäfer beauftragt werden.

- Die ermittelten Verstöße müssen seitens des Bezirksamts Mitte weiterverfolgt und auch einer strafrechtlichen Verfolgung zugeführt werden.

- Alle Erkenntnisse müssen an das Veterinäramt in Nordrhein-Westfalen, welches für weitere Tierhaltungen des Schäfers zuständig ist, weitergeleitet werden.

- Die Rahmenbedingungen der Deichschäferei müssen einer grundsätzlichen Überprüfung unterzogen werden. Hierbei muss Berücksichtigung finden, dass zur Deichpflege lebende, fühlende Tiere eingesetzt werden, deren Bedürfnisse mindestens die Beachtung erhalten müssen wie die Pflege der Grasnarbe.

- Die Verträge mit Deichschäfereien sind jedenfalls dahingehend zu überarbeiten, dass auch das Tierwohl im Fokus ist und Verstößen gegen das Tierwohl und den Tierschutz effizient und unmittelbar begegnet werden kann.

- Die Auswahl der Deichschäfer*innen muss auf Sachkunde und Verlässlichkeit basieren.

- Die Haltungsbedingungen sind sofort nach Vertragsbeginn und regelmäßig engmaschig zu überprüfen