Pressemitteilung: Steigende Fundtierzahlen: Steht eine Aussetzungswelle von Corona-Kaninchen bevor? 

Dieses Kaninchen hatte einen großen Abszess auf der Stirn, der drohte, sich in die Schädeldecke zu fressen (HTV-Nummer: 923_F_22).Dieses Kaninchen hatte einen großen Abszess auf der Stirn, der drohte, sich in die Schädeldecke zu fressen (HTV-Nummer: 923_F_22).Pressemitteilung vom 16. Mai 2022

Der Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V. (HTV) fungiert als Fundtierverwahrstelle für Hamburgs 
tierische Findelkinder. In diesem Jahr beobachtet der Verein eine auffallend hohe Anzahl an 
ausgesetzten und vor allem verletzten Kaninchen. „Der Verdacht liegt nahe, dass es sich hierbei um in 
Corona-Zeiten angeschaffte Tiere handelt, die die Leute nun wieder loswerden wollen“, so die 
Tierschutzberaterin des HTV Nicole Hartmann.

Besonders alarmiert sind die Tierschützerinnen und Tierschützer über den Gesundheitszustand der Mai-Fundkaninchen. Insgesamt vier schwerverletzte Tiere nahm der HTV zu Beginn des Monats bereits auf: Alle vier wiesen qualvolle Verletzungen auf, die akut tiermedizinische Behandlungen erforderlich machten.

Die Mai-Fundkaninchen: HTV besorgt über Gesundheitszustand 

Ein weiß-schwarzes Löwenkopf-Kaninchen wurde am 03. Mai in der Cuxhavener Straße in Hamburg-Neugraben-Fischbek gefunden, zu einer Polizeiwache gebracht – und von dort von einem Tierrettungsfahrer des HTV abgeholt. Auf den ersten Blick wirkte es munter – jedoch stellte sich schnell heraus, dass sein linkes Hinterbein so schwerwiegend gebrochen war, dass es amputiert werden musste. „Wir schauen uns jedes Tier individuell an und reagieren so schnell wie möglich, um zu helfen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als das Bein zu amputieren. Wir wollen natürlich, dass das Kaninchen noch ein langes, schönes Leben hat – und das ist mit drei Beinen immer noch möglich“, so Dr. Urte Inkmann, die leitende Tierärztin des HTV.

Am 06. Mai wurde ein dunkelbraunes Widder-Kaninchen im Jenischpark in Hamburg-Altona in einem Karton gefunden. Sein gesamter Körper war übersät mit alten und frischen Wunden - besonders schlimm war eine am Augenlid. Unter dem Mullbindenverband, der um sein linkes Hinterbein gewickelt war, verbarg sich eine lange, kontaminierte Hautwunde. All seine Wunden, an denen sich gefährliche Bakterien-Herde sammeln können, versorgte der HTV umgehend. 

Nur ein paar Tage später, am 10. Mai, wurden zwei weitere stark lädierte Kaninchen entdeckt, als sie in den Harburger Bergen in Hamburg-Harburg frei herumhoppelten. Die Finderin sammelte sie ein und brachte sie zum HTV. Auch ein ungeschultes Auge hätte direkt erkennen können, wie schlimm verwundet die Tiere sind und welche Schmerzen sie erlitten haben müssen. Eines der Kaninchen hatte einen Abszess mit einem Durchmesser von drei Zentimetern auf der Stirn, der drohte, sich bis auf den Schädelknochen auszuweiten. Nach Einschätzung von HTV-Tierärztin Rose Ackermann handelte es sich hierbei um eine Wunde, die durch einen Unfall oder einen Kampf entstanden sein könnte und mehr als eine Woche lang unbehandelt blieb. Dadurch konnten sich Bakterien schnell ausbreiten. Das Praxis-Team des HTV entfernte den Abszess. „Ob das Kaninchen überlebt, ist zu diesem Zeitpunkt noch unsicher. Wir geben unser Bestes, versorgen täglich die Wunde auf der Stirn und dreimal täglich die Hornhautverletzung des linken Auges. Noch einen Tag später hätte das Kaninchen nicht gefunden werden dürfen, dann hätte es kaum eine Überlebenschance gehabt“, so Rose Ackermann. 

Das Kaninchen war übersät mit Verletzungen. Besonders schlimm war eine am Auge (HTV-Nummer: 1934_F_22).Das Kaninchen war übersät mit Verletzungen. Besonders schlimm war eine am Auge (HTV-Nummer: 1934_F_22).Diesem Kaninchen musste ein Bein amputiert werden (HTV-Nummer: 1884_F_22)Diesem Kaninchen musste ein Bein amputiert werden (HTV-Nummer: 1884_F_22)

Steht eine Corona-Kaninchen-Aussetzungswelle bevor? 

„Wir sind besorgt, dass uns in den kommenden Monaten eine Aussetzungswelle an Kleintieren überrollen wird. Es liegt nahe, dass die Tiere zum Kuscheln für die Kinder in LockdownZeiten angeschafft wurden und jetzt, wo die 
Normalität wieder einkehrt, keine Zeit oder Lust mehr übrig ist, sich um die doch recht aufwendigen Kleintiere zu kümmern. Kaninchen oder Meerschweinchen werden leichtfertiger ausgesetzt als Hunde oder Katzen“, so Nicole Hartmann aus der Tierschutzberatung.

Waren es im letzten Jahr noch 20 ausgesetzte Kaninchen bis zum 12.05.2021, so sind es dieses Jahr bis zum entsprechenden Tag schon 45. 

Spontankauf Kaninchen? „Kaninchen sind kein Kinderspielzeug!”

Kaninchen kosten je nach Größe, Rasse und Herkunft zwischen 15 und 60 Euro in der Tierhandlung und können ohne Voranmeldung angesehen und gekauft werden. „Das größte Problem bei Kleintieren und eben auch Kaninchen ist, dass sie so einfach, günstig und ohne Vorerfahrung in der Tierhandlung gekauft werden können. Dagegen setzen wir uns seit Jahren ein, aber es ist immer noch nichts passiert“, so Nicole 
Hartmann weiter. Der HTV sieht darin auch den Grund, weshalb viele Kaninchen nach dem Kauf 
schlechten Haltungsbedingungen ausgesetzt sind. Womöglich bedenken viele Menschen nicht, dass die Tiere im Laufe ihres Lebens Kosten verursachen und, wie andere Haustiere auch, regelmäßig zur Prophylaxe einer Tierärztin oder einem Tierarzt vorgestellt, geimpft und kastriert werden müssen. „Die Bereitschaft, für die medizinische Versorgung von Kleintieren Geld in die Hand zu nehmen, bringen viele nicht auf. Doch Kaninchen melden sich nicht, so wie Hunde oder Katzen, wenn sie Schmerzen haben, sondern leiden im Verborgenen. Viele Tiere sind auch stark übergewichtig, haben zu lange Krallen, zu lange Zähne oder stark verfilztes Fell. Das alles wäre schnell in den Griff zu kriegen – doch hierzu muss es zunächst einmal ein Bewusstsein für das stille Leid der Tiere geben“, erklärt Dr. Urte Inkmann.

Der HTV hält sich bei seinen Vermittlungen an die Vorgaben der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) für Haltungsbedingungen von Kaninchen. Die TVT verlangt unter anderem, dass Kaninchen mindestens zu zweit gehalten werden und ihnen mindestens eine Fläche von sechs Quadratmetern zur 
Verfügung steht. Sie müssen in der Lage sein, mindestens drei aufeinanderfolgende Hoppelschritte à 80 Zentimeter zu machen. Des Weiteren müssen verschiedene Strukturelemente in der Unterbringung und ein erhöhter Liegeplatz pro Tier im Stall vorhanden sein und dieser täglich von Kot und Urin befreit werden. „Viele Leute wissen nicht, welche natürlichen Bedürfnisse Kaninchen haben. Sie sind eben kein Kinderspielzeug“, schließt Nicole Hartmann ab.

Der HTV warnt daher vor unüberlegten Anschaffungen und appelliert: „Aussetzen ist keine Lösung!“