Igel-Alarm im Tierheim Süderstraße: Wann brauchen die Tiere wirklich Hilfe?

Igel finden sich in der kalten Jahreszeit in den meisten Fällen gut allein zurecht. „Falsche“ Hilfe kann den Tieren sogar schaden.Igel finden sich in der kalten Jahreszeit in den meisten Fällen gut allein zurecht. „Falsche“ Hilfe kann den Tieren sogar schaden.Pressemitteilung

Herbstzeit ist Igelzeit – und damit leider auch die Zeit der falsch verstandenen Tierliebe. Dieses Jahr nahm das Tierheim Süderstraße des Hamburger Tierschutzvereins von 1841 e.V. (HTV) bisher so viele Igel, wie noch nie, auf. Im letzten Jahresviertel häufen sich die Aufnahmen deutlich. Viele Tiere sind jedoch gar nicht hilfebedürftig.

Seit Jahresbeginn hat das Tierheim Süderstraße dennoch bereits 560 Igel aufgenommen – ein trauriger Rekord. In der Vergangenheit waren es durchschnittlich 400 Igel pro Jahr. Derzeit befinden sich 53 Vertreter dieser geschützten Art in der Obhut des HTV (Stand 08. November 2021).

Doch viele Igel brauchen den Menschen nicht als Überwinterungshilfe – im Gegenteil: „Igel, die den ganzen Winter versorgt und gepflegt wurden, haben es im kommenden Frühjahr schwerer, sich in einem neuen und fremden Revier zurechtzufinden – und sich gegen Artgenossen durchzusetzen“, erläutert HTV-Pressesprecher und Diplom-Biologe Sven Fraaß. Er betont: „Der Igel ist ein Wildtier und sollte nach Möglichkeit in der Natur bleiben!“ Die erwachsenen Igel ziehen sich, je nach Witterung, bis Ende Oktober in ihr Winterquartier zurück. Zurzeit sind jedoch noch die Spätgeborenen auf Nahrungssuche, um sich eine ausreichend dicke Fettschicht für ihren Winterschlaf zuzulegen. Diese Zeit können sich die stacheligen Gesellen aufgrund der aktuell noch milden Temperaturen auch nehmen. 

Angaben zum für die Überwinterung benötigten Gewicht sind eher von den Wetterprognosen, als vom Kalender abhängig zu machen. Je nach Zeitpunkt des Wintereinbruchs und der Zeitspanne dieser für Igel widrigen Umweltbedingungen ist ein Endgewicht von mindestens 500 Gramm für die Überwinterung nötig. Pro Tag kann ein Igel bis zu 10 Gramm zulegen.

Wann sollte man einen Igel in Obhut nehmen?

Bei der Hilfestellung gibt es einige wichtige Dinge, die Sie beachten sollten.Bei der Hilfestellung gibt es einige wichtige Dinge, die Sie beachten sollten.Erst nach genauer und gewissenhafter Beobachtung darf ein Igel in menschliche Obhut genommen werden. Auf jeden Fall sollte er dann tierärztlich angeschaut werden. Auch im Tierheim Süderstraße wird jeder Igel in der tierheimeigenen Praxis untersucht und bei Bedarf fortlaufend behandelt. 

Die Aufnahme dieser Tiere ist nach dem Naturschutzgesetz nur in bestimmten Ausnahmen gestattet:

1.    Der Igel ist verletzt oder krank
Oft deuten schon Fundorte und -umstände wie Straßen oder Baustellen auf Verletzungen hin. Kranke Igel erkennt man daran, dass sie tagsüber herumliegen, mager sind (mit einer sogenannten Nackenfalte / Einbuchtung am Hinterkopf) und sich apathisch verhalten. Starker Parasitenbefall mit Zecken und Flöhen ist ebenso Grund zur Sorge, Fliegeneier oder geschlüpfte Maden ein Alarmsignal zur sofortigen Hilfe.

2.    Der Igel ist jung und verwaist
Igeljunge, die sich tagsüber außerhalb ihres Nests befinden, noch geschlossene Augen haben und sich womöglich kühl anfühlen, sind im November eine absolute Ausnahme und benötigen dringend Hilfe. Doch aufgepasst: Sie sollten nicht mit älteren Jungigeln verwechselt werden, die zurzeit auch tagsüber nach Nahrung suchen. Diese sind selbstständig lauffähig, haben die Augen geöffnet und bereits ein vollständiges Fell- und Stachelkleid entwickelt.

3.    Der Igel läuft bei Dauerfrost oder Schnee herum
Auch solche Igel findet man hauptsächlich bei Tage. Es kann sich um kranke oder schwache Alttiere handeln. Oft sind es auch Jungtiere, die zu spät geboren wurden, um sich ein für den Winterschlaf ausreichendes Fettpolster anzuessen. 

Soforthilfe in der Natur

Gerade bei Jungigeln ist eine artgemäße Zufütterung sinnvoll.Gerade bei Jungigeln ist eine artgemäße Zufütterung sinnvoll.„Oft werden Igel in unsere Obhut gegeben, weil sie vermeintlich zu mager sind, um überwintern zu können. Das stimmt aber oft nicht. Wenn Sie sich unsicher sind, beantworten wir gern alle Fragen, zum Beispiel auch zur Fütterung von Jungtieren, bevor der Igel aus seinem Lebensraum genommen wird,“, erläutert HTV-Tierpflegerin Michelle Kissel. In Gärten und Parks, die zu „aufgeräumt“ und damit arm an Insekten sind, ist bei Jungigeln die regelmäßige artgemäße Zufütterung sinnvoll. Wichtig: Keine Milch, kein Obst, kein Gemüse und keine rohen Eier füttern, stattdessen eignet sich hochwertiges Katzendosenfutter mit hohem Fleischanteil und kleinen Portionen Weizenkleie sowie Insektenschrot (als sogenanntes Igelfutter im Handel erhältlich). Zudem sollte Wasser bereitstehen.

Auch was die Schlafplätze angeht, können wir Menschen von zuhause aus helfen. Michelle Kissel: „Sie tun den Igeln einen großen Gefallen, wenn Sie die Laubhaufen im Garten liegenlassen – dort finden die Tiere ausreichend Nahrung und einen sicheren Schlafplatz.“ Ebenso geeignet sind unter anderem alte Baumstümpfe, Hecken oder Holzstapel, Haufen aus Reisig oder Holzverschnitt und fachgerechte Igelhäuser.