Snorre

Liebe Tierfreunde!

Vor gut einem Monat ist Snorre bei uns eingezogen. Wir hatten wahnsinniges Glück: Am Freitag hatten wir sie auf der Internetseite gesehen und fanden sie erst mal nur süß. Doch als wir am Samstag ins Tierheim kamen, um sie persönlich kennenzulernen, sagte man uns, dass sie bereits vermittelt sei. Ihre neuen Menschen würden sie am Dienstag abholen.

Aus irgendeinem Grund spürte ich, dass das noch nicht das Ende unserer Geschichte war. Ich schrieb eine E-Mail ans Tierheim: Falls Snorre wider Erwarten nicht abgeholt wird, würden wir gern die Zweitbesetzung für ihr neues Zuhause sein. Jeden Tag rief ich an, um nur ja nicht vergessen zu werden, und am Mittwoch konnte ich mein Glück kaum fassen, als ich die Nummer vom Tierheim auf dem Display unseres Telefons sah: Snorre war noch da, und frei für uns!
Gleich am nächsten Morgen standen wir auf der Matte – und wir haben sie tatsächlich mitnehmen dürfen.

Da man uns gesagt hat, dass ein Hund aus Rumänien noch gar nichts von unserem Leben kennt und deshalb aufs Autofahren panisch reagieren könnte, haben wir Snorre erst mal ins Auto gehoben, sie so gesichert, dass sie nicht aus der geöffneten Heckklappe hüpfen konnte und uns zu ihr gesetzt. Über eine Stunde haben wir vor dem Tierheim im Auto Kaffee getrunken, mit Vorübergehenden geplaudert, Snorre Leckerlis gegeben, den Motor an- und wieder ausgeschaltet - und dann ist Snorre eingeschlafen. Während der ganzen Fahrt war sie total entspannt und drei Tage später ist sie schon von allein ins Auto gehüpft, sobald wir die Tür aufmachten. Autofahren findet sie prima. Fressen findet sie auch prima. Das macht es ziemlich einfach, ihr etwas beizubringen wie „Sitz, bevor wir über die Straße gehen“ oder so.

Wir hatten ja Bedenken, ob das mit den Katzen und Snorre gut gehen würde, aber es war überhaupt kein Problem: Die Katzen sind Hunde ohnehin von klein auf gewöhnt, und Snorre ist sehr vorsichtig auf sie zugegangen. Jetzt verstehen sie sich super oder sie respektieren sich zumindest.
Ich glaube, Snorre ist im Grunde eher ein Stadthund. Wenn wir im Wald spazieren gehen, habe ich den Eindruck, sie findet das ziemlich merkwürdig. Interessant, aber merkwürdig. Bei uns auf dem Grundstück (4000 qm) oder auf der Wiese hinter dem Haus, wo sie ihren neuen Country-Kumpel Monty, einen Border Collie, zum Toben trifft – das ist klasse. Aber richtig Wald, womöglich sogar mit einem Teich? Nö. Der Schlosspark in Ludwigslust oder der Innocentiapark in Eppendorf sind eher etwas für sie. Schon rein gesellschaftlich ... Man trifft andere Leute und andere Hunde und die Wege sind schön ordentlich und angenehm zu laufen. Für mich als Jeden-Morgen-einen-strammen-Acht-Kilometer-Marsch-durch-den-Wald-Querfeldein-Läuferin auch eine Umstellung. Aber zur Zeit mit den Bremsen im Wald nehme ich Snorres Anregung durchaus gerne an.
Wasser ist so gar nicht Snorres Sache. An dem Tag, als sie zu uns kam, herrschten tropische Temperaturen von über 30 Grad. Wir sind also mit ihr zum Teich, der etwa 400 Meter von zuhause entfernt ist. Vielleicht möchte sie mit meinem Freund, einem begeisterten Schwimmer, ein erfrischendes Bad nehmen? Mit Ach und Krach konnten wir sie – aber nur selbst im Wasser stehend - überreden, doch wenigstens ihre Vorderpfoten ins Wasser zu stellen.
Und in den letzten Tagen, als es immer wieder sintflutartig geregnet hat, konnten wir (nun mal wieder in Eppendorf) beobachten, dass Snorre offenbar allgemein mit Wasser nicht viel am Hut hat: Es fängt an zu tröpfeln. Snorre guckt bedenklich gen Himmel und schüttelt sich. Es fängt an zu regnen. Snorre beschleunigt ihre Schritte. Es fängt an zu gießen. Snorre rast in den nächsten Hauseingang, stellt sich unter und ist nicht dazu zu bewegen weiterzugehen, bevor es nicht einigermaßen trocken ist. Zum Piepen.

Apropos Eppendorf: Eine elegante Dame fragte, welche Rasse Snorre denn sei. Sie sähe interessant aus und dabei doch einigermaßen hübsch. Ich antwortete, Snorre sei ein extrem seltener Karpaten-Fuchshund. Charakteristisch für diese Rasse sei der gestreifte Vorderlauf. Die Dame war sehr beeindruckt
Andere Hunde wickelt Snorre um die gestreifte Pfote, und zwar bis jetzt jeden, ohne Ausnahme. Dabei ist es faszinierend zu beobachten, mit welcher Treffsicherheit sie zunächst einschätzt, wie der andere drauf ist, wie sie dann vorsichtig Kontakt aufnimmt oder – immer vorsichtig – die Kontaktaufnahme von dem anderen erwidert und schließlich oft genug mit ihnen spielt.

Mein Freund meint, am Anfang hätte er gar nicht verstanden, warum ich unbedingt Snorre haben wollte. Ihm wäre sie nicht aufgefallen, und er wäre sicher an ihrem Zwinger vorbeigegangen. Jetzt ist sie seine kleine Prinzessin. Die Sympathie beruht offenbar auf Gegenseitigkeit: Sie gibt ganz niedliche Fiepslaute von sich, wenn sie ihn sieht, und kann gar nicht so schnell mit dem Schwanz wedeln, wie sie sich freut. Überhaupt geht sie sehr freundlich auf jedermann zu, und hat – wohl untypisch für eine Rumänin – mit Männern überhaupt keine Probleme. Dafür sind ihr Kinder offenbar nicht geheuer. Aber sie wird nie aggressiv, sondern legt eher den Rückwärtsgang ein und geht hinter uns in Deckung, wenn ein Kind zu laut oder schnell auf sie zurennt.

Natürlich hat Snorre auch ihre kleinen Macken: Sie sammelt emsig Schuhe ein und legt sie aufs Sofa oder versteckt sie im Garten oder sonst wo, und wenn man dann weggehen will, ist kein Paar mehr vollständig und die große Sucherei geht los. Während ihrer lustigen fünf Minuten dreht sie total auf und kneift beim Spielen auch schon mal (erst noch einigermaßen zart, dann aber recht kräftig) in die Hand. Nicht weiter dramatisch – das hat unser alter Andor auch gemacht, als er klein war. Wir arbeiten daran. Und wir sind immer noch mit ihr am Diskutieren, ob (dass) Snorre (nicht) im Bett schlafen darf. Stubenrein ist sie dagegen schon. Und an der Leine geht sie super. Und sie hilft gern bei der Gartenarbeit, indem sie fleißig Löcher buddelt - vielleicht können wir ihr auch noch beibringen, dort tätig zu werden, wo wir etwas einpflanzen wollen und nicht einfach irgendwo!

Alles in allem: Wir sind komplett begeistert von Snorre. Die kleine Maus ist wirklich ein Goldstück! Erst vor wenigen Monaten mussten wir Andor, unseren liebsten ständigen Begleiter über mehr als 14 Jahre, einschläfern lassen. Da wir generell „Aus dem Tierheim-Holer“ sind, war eigentlich klar, dass wir ganz schnell einen neuen Hund haben würden. Schließlich wäre jeder Tag gut, den „der Neue“ eher bei uns in sein neues Zuhause einzieht. Und ich hatte mir schon viele Gedanken gemacht, wie der nächste Hund sein sollte: Diesmal eine liebe Hündin wie Meggie (Andors Mutter, die wir zusammen mit ihm aus dem Tierheim hatten), mit Artgenossen verträglich wäre also schön. Und nicht so groß wie Andor, der in seinem letzten Jahr mit dem Gehen Schwierigkeiten hatte, nachdem er sich die Hüfte ausgekugelt hatte und über Wochen von uns mit Haltevorrichtungen geführt werden musste, bis er wieder allein laufen konnte. Obwohl wir beide sportlich durchtrainiert sind, ging das bei einem 30-Kilo-Hund auch uns auf den Rücken. Wir werden nicht jünger, also nur noch eine halbe Portion. Alles andere war uns ziemlich egal. Einen Namen hatte ich allerdings auch schon ausgeguckt: Snorre. Aber das ging ja eigentlich gar nicht, weil "Snorre" ist ja ein Männername und ich wollte doch eine Hündin. Na, das mit dem Namen würde sich zu gegebener Zeit schon finden…

Als dann die Stunde kam, in der wir Andor gehen lassen mussten, waren wir unendlich traurig. Wir konnten uns kaum vorstellen, unser Herz überhaupt wieder für einen anderen Hund zu öffnen. Vielleicht warten wir doch lieber ein halbes Jahr, oder ein Jahr … Und dann kam Snorre. Die Snorre. Gerade mal vier Wochen später. War es zu früh? Nein, kein Zweifel: Andor wird immer in unserem Herzen sein und mir kommen noch immer die Tränen, wenn ich an ihn denke oder ein Foto von ihm ansehe. Und dann stupst Snorre mich an, und ich muss lächeln. Die Leute, die sie – zu unserem Glück – nicht abgeholt haben, hatten einen Sechser im Lotto und haben ihren Schein nicht abgegeben…

Herzliche Grüße
Corinna B.