Geflügelpest: Hamburger Tierschutzverein und Deutscher Tierschutzbund sprechen sich für präventive Strategie aus

Hähne hinter Gittern: Seit Mitte November leben die Tiere in abgedeckten Volieren.Pressemitteilung vom 6. März 2017

Aktuell grassiert die bislang schlimmste Geflügelpest-Epidemie, die in Deutschland jemals auftrat. Auch in Hamburg werden stetig neue Fälle bekannt. Die behördlichen Anordnungen zum Schutz vor der Geflügelpest schränken den Tierheimbetrieb in der Süderstraße bereits seit über drei Monaten enorm ein. Nach wie vor kann der Hamburger Tierschutzverein weder Fundvögel aufnehmen noch auswildern.

Zum Schutz des gesamten Bestands von derzeit 182 Vögeln (Stand: 1. März 2017) sieht sich der HTV gezwungen, am Aufnahmestopp für Vögel festzuhalten. Die Volieren sind voll, eine Entspannung ist nicht in Sicht. Die wenigen Ziervögel aus Wohnungshaltung, die der HTV in seine Obhut nehmen kann, werden zunächst separiert, was auf lange Sicht zu einem Kapazitätsproblem führt. Auch andere Vereine und Stationen in Hamburg und im Umland sind überlastet. Hilfestellung seitens der Stadt Hamburg, wie mit den Belastungen umzugehen ist, gibt es leider nicht. „Für die Zukunft wünschen wir uns, dass die Verantwortlichen in solchen Ausnahmesituationen lösungsorientiert mitdenken“, sagt Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des HTV.

Mindestens bis Mai 2017 wird die Einstallpflicht für das Tierheim Süderstraße fortbestehen. „Für die über 20 Hähne, die wir derzeit beherbergen, grenzt das schon an Tierquälerei“, sagt Sandra Gulla. Eine Vermittlung von Vögeln wird dadurch erschwert, dass sich das Tierheimgelände in einem Beobachtungsgebiet befindet und Tiere nicht nach außerhalb verbracht werden dürfen. Insgesamt ist der Vogelbestand aufgrund der schwierigen Vermittlungsbedingungen etwa 30 Prozent höher als im vergangenen Jahr um diese Zeit.

Eine Herausforderung wird im Hinblick auf die nahende Jungtiersaison die Unterbringung von Wildtieren: Alle Auswilderungsvolieren auf dem Tierheimgelände sind mit Vögeln des Risikobestands belegt. Daher wird es schwierig, die im Aufzuchtsbereich gepäppelten Eichhörnchen, Marder und Co. artgemäß auf ihr Leben in Freiheit vorzubereiten.

Präventive Strategie bei künftigen Seuchenfällen notwendig

Seit Anfang November 2016 sind in Deutschland bereits über eine Million Vögel getötet worden. Um zukünftige Seuchenausbrüche tiergerechter eindämmen zu können, sprechen sich der Hamburger Tierschutzverein und sein Dachverband, der Deutsche Tierschutzbund, für eine vorbeugende Strategie aus. „Maßnahmen wie die massenweise Bestandstötung und dauerhafte Aufstallungsgebote sind nicht zielführend und zudem unethisch“, kritisiert Sandra Gulla.

Dass die Aufstallung der Tiere keine Garantie für die Verhinderung einer Ansteckung ist, zeigen die vielen Fälle von Geflügelpestausbrüchen in komplett geschlossenen Beständen. Manche Maßnahmen, wie die in Hamburg geltende Leinenpflicht für Hunde, erscheinen wie reine Beruhigungsmaßnahmen. Die Anleinpflicht besteht, obwohl es keinerlei belastbare Hinweise auf eine epidemiologisch relevante Rolle von Hunden bei der Verbreitung der Geflügelpest gibt. Daher wurde jetzt eine Petition gestartet, die die Gesundheitssenatorin auffordert, den seit dem 25. November geltenden Leinenzwang aufzuheben.

Entweder dienten die ergriffenen Maßnahmen nur der Marktstabilisierung und sollen Verbraucher beruhigen, dass sie weiterhin Geflügelfleisch essen können. Gehen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung jedoch davon aus, dass Maßnahmen getroffen werden müssen, um der Gefahr einer durch Mutation entstehenden Zoonose, das heißt einer auf den Menschen übertragbaren Infektionskrankheit, zu begegnen, müssen dringend langfristige und präventive Maßnahmen getroffen werden: Insbesondere müssen dann alle Verantwortlichen daran gehen, das System der Geflügelindustrie nachhaltig zu verändern. Denn gerade diese Form der Tierhaltung und -ausbeutung, bei der extrem viele Tiere mit geschwächtem Immunsystem auf engstem Raum leben, bietet optimale Bedingungen für solch eine Mutation.

Bisher völlig vernachlässigt ist die Methode einer Schutzimpfung, die die Symptomatik und vor allem die Virusausscheidung deutlich verringern würde, sodass eine weitere Verbreitung eingedämmt werden könnte. Die Bundesregierung sollte aus Sicht der Tierschützer daher dringend die Forschung intensivieren und die Finanzierung für eine kurzfristige Entwicklung von geeigneten Impfstoffen sicherstellen.

Bürgerinnen und Bürger sollten sich bei Fragen zur Geflügelpest in Hamburg an die zuständigen Stellen der Stadt wenden:

Infotelefon für Tierhalter und Bürgerinnen und Bürger:
040 42837-2222 (in der Zeit von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und am Freitag von 8 bis 15 Uhr)

Meldung toter Wildvögel:
040 42837-2200

Weitere Informationen:
Verordnung zum Schutz gegen die Geflügelpest
Zusammenfassung der Albert-Schweitzer-Stiftung
Aktuelle Informationen der Stadt Hamburg