Mehr als 12.000 Unterschriften gegen geplanten Wildtierzoo im Klövensteen

Dam- und Muffelwild an der Futterstelle. Der Masterplan für das Wildgehege sieht vor, dass noch viel mehr Tierarten eingesperrt werden sollen.19. Juni 2018; Update 16. August 2018

Mehr Gehege, mehr Käfige – mehr eingesperrte Tiere. Das Bezirksamt Altona hat einen Masterplan zum gigantischen Umbau des Wildgeheges Klövensteen in Rissen vorgelegt – und sorgt damit zum Glück für Proteste. Eine Online-Petition gegen die Wildtierzoo-Pläne haben  schon mehr als 12.000 Menschen (Stand 16.8.18) unterschrieben. Der Hamburger Tierschutzverein ruft alle Unterstützerinnen und Unterstützer dazu auf: Sagen auch Sie Nein zum Masterplan! Hier geht es zur Petition.

Still und heimlich hatten das Bezirksamt und der Förderverein Klövensteen den Masterplan bei der Berliner Firma „dan pearlman Erlebnisarchitektur“ in Auftrag gegeben – ohne die politischen Gremien, Naturschutzverbände oder Bürger zu beteiligen. Kosten der Planung: rund 120.000 Euro – finanziert durch eine Spende vom Förderverein. Fast 120 Seiten umfassen die Vorschläge. Und dabei geht es nicht um die behutsame Veränderung des bestehenden und 1972 eröffneten Wildgeheges mit seinen 12 Tierarten und den dringend nötigen Umbau einiger Gehege, um den Bedürfnissen der Tiere gerechter zu werden. Es soll unter dem Deckmäntelchen von Zukunftssicherung und Waldpädagogik der ganz große Um- und Neubau werden: 33 Millionen Euro müssten ausgegeben werden, wenn alle Vorschläge umgesetzt würden. Doch mit Tier- und Wildtierschutz hat das alles nichts zu tun.

So sollen ein Wolfswald entstehen, Waldcampus, Waldbühne, Waldschule und noch einiges mehr. „ Der Markt rund um zoologische Einrichtungen ist ein Wachstumsmarkt“, heißt es in dem Masterplan unverhohlen. Und da will Altona mitmischen und das Wildgehege, das jährlich rund 200.000 Menschen besuchen, zum kommerziellen Wildpark machen. Dafür sollen neue, teilweise begehbare Gehege und Käfige für 56 Tierarten (fast fünf Mal so viele wie jetzt!) gebaut werden. So unter anderem für Waschbär, Wildkatze und Luchs. Oder eben für Wolf, Wildschwein, Fuchs, Dachs und Waldwiesel. Im Plan wird das „spannende Nebeneinander zwischen Räuber und Beute“ hervorgehoben. Doch was die Planer spannend finden, ist für die Tiere purer Stress. Und: Im Wolfswald soll es auch einen Bereich „Unter der Erde“ geben. Hier steigen die Besucher hinab in einen unterirdischen Bereich und sollen in einem „labyrinthartigen Gängesystem“  in die „Quartiere von Fuchs, Dachs und Wolf“ gucken können: „Highlight ist der große Glaseinblick in die Wolfshöhle, der die imposanten Wölfe hautnah präsentiert.“ Dazu kommen noch ein Baumwipfelpfad und ein riesiger Beobachtungsturm. Und der Waldcampus mit Gastronomie, Klassenräumen und Werkstätten. Im Masterplan sind Illustrationen zu sehen, wie die Planer sich das alles so optisch vorstellen. Und im Inneren des Waldcampus, einem fast 1.600 Quadratmeter überdimensionierten Gebäude, dreht sich ein Spanferkel über dem offenen Feuer. Kein unbedachtes Versehen der Planer. Im Restaurant sollen „lokale Wildprodukte verkostet werden“, heißt es – frei nach dem befremdlichen Motto: Erst angucken, dann aufessen.

Die viel zu kleinen Gehege für Frettchen und Waschbären.„Wir lehnen diese absurden Pläne ab“, sagt Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV). „Unter dem Deckmantel der Waldpädagogik dürfen keine neuen Käfige und Gehege entstehen, in die Tiere eingesperrt werden.“ Sogar Volieren für Waldvögel sollen gebaut werden. „Es ist schon sehr befremdlich, in einem Wald die dort lebenden Vögel einzusperren. Wirklich Interessierte können die Tiere, wenn sie sich entsprechend ruhig verhalten, bereits jetzt in ihrem natürlichen Habitat beobachten.“

So sieht es auch die Initiative „Klövensteen soll leben“, die das „Disneyland im Klövensteen“ ablehnt und das Naturparadies durch den Masterplan bedroht sieht. „Was nur sollen Tierkäfige, Naturverbrauch, Großbauten, Asphalt und Events mit Waldpädagogik zu tun haben?“, fragt die Initiative – zumal für die Neubauten "umfangreich Wald gerodet werden" müsse. Sie fordert wie der HTV eine „Verbesserung der Haltungsbedingungen für die vorhandenen Wildtiere.“ Dringend nötig wäre das besonders bei den Waschbären und Frettchen. Und echte Tierfreunde schmerzt auch, die faszinierenden Uhus eingesperrt in ihrer Voliere sehen zu müssen. Daneben leben im Wildgehege unter anderem noch Rot-, Dam- und Schwarzwild auf Frei- und Waldflächen.

Um die „Umgestaltung des Wildparks zur Eventfläche mit Käfighaltung von importierten Wildtieren“ zu verhindern, hat Anwohner Thure Timmermann für die Bürgerinitiative die Online-Petition gestartet, die an die Bezirkspolitiker in Altona gerichtet ist. Denn die haben jetzt zwar eine Bürgerbeteiligung beschlossen. Aber der natur- und tierfeindliche Masterplan ist nicht vom Tisch – er soll Grundlage der weiteren Gespräche sein.

Der Klövensteen ist mit 580 Hektar das größte Naherholungsgebiet im Bezirk Altona und eines der letzten Naturschutzgebiete Hamburgs mit wertvollen Heide- und Moorflächen. In unmittelbarer Nähe des Wildgeheges liegt das Schnaakenmoor, das vor rund 10.000 Jahren entstand. Das Schnaakenmoor ist auch nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Gebiet) besonders geschützt. Mit den FFH-Gebieten will die Europäische Union die natürlichen Lebensräume sowie die wildlebenden Tiere und Pflanzen erhalten. Das Schnaakenmoor ist besonders artenreich. So leben hier zum Beispiel die auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere stehende Kreuzotter, der Moorfrosch, die Kreuz- und die Knoblauchkröte. Es gibt mehr als 100 Schmetterlingsarten, die besonders seltene Heidelerche brütet in dem Naturschutzgebiet. Und die Kraniche ziehen durch das Schnaakenmoor. Wie kann man angesichts eines solches Biotops überhaupt auf die Idee kommen, heimische Wildtiere in unmittelbarer Nähe in Käfige einzusperren? Wer den Kindern die Natur näher bringen will, kann mit ihnen ins Naturschutzgebiet gehen. Hier können sie sehen, welche Vielfalt natürliche Lebensräume bieten, wie man Tier und Pflanzen schützt. Das wäre dann Wald- oder Umweltpädagogik, die den Namen verdient.

„Für den HTV bedeutet Wildtierschutz, dass man natürliche Lebensräume für Wildtiere schützt und einzelne Individuen, die versehrt oder hilflos sind, versorgt“, stellt Sandra Gulla klar. „Aber niemals, dass man Tiere mutwillig in Käfige sperrt, um sie betrachten zu können.“ So können wir uns höchstens vorstellen, dass das bestehende Wildgehege modernisiert wird und eine Art Arche für verletzte Wildtiere werden könnte, die beispielsweise nach Unfällen nicht mehr ausgewildert werden können. Oder für zugewanderte Wildtiere, die nicht in die Freiheit entlassen werden dürfen. Der HTV betreibt Norddeutschlands größte Wildtierstation. Und während die Stadt nicht abgeneigt ist, in das unsinnige Projekt im Klövensteen 33 Millionen Euro zu verpulvern, finanzieren wir den Wildtierschutz ausschließlich mit Spendengeldern. Oberstes Ziel ist dabei, die Wildtiere gesund zu pflegen und wieder in die Natur auszuwildern. Und wenn dies in Einzelfällen nicht möglich ist, könnte ein Vorzeige-Wildgehege helfen. „So könnte das Wildgehege Klövensteen einen Beitrag für den Hamburger Tierschutz leisten“, meint Sandra Gulla.

Um unsere Ablehnung des Masterplanes auch gegenüber dem Bezirk zu bekräftigen, haben die 1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins, Sandra Gulla, und die 2. Vorsitzende Katharine Krause einen Brief an Bezirksamtsleiterin Dr. Liane Melzer geschrieben. Darin wird die Bezirkschefin aufgefordert, ihre Position noch einmal zu überdenken und dafür zu sorgen, dass der Masterplan für das Wildgehege vom Tisch kommt. Dieses Schreiben haben wir auch den Mitgliedern des Ausschusses für Grün, Naturschutz und Sport in Altona zukommen lassen. In dem Ausschuss beschäftigen sich die Parteien der Bezirksversammlung Altona mit dem Ausbau des Wildgeheges Klövensteen.

Deutlich hat sich auch der Botanische Verein zu Hamburg positioniert: „Eine waldpädagogische Einrichtung benötigt keinen Ausbau zu einem zooartigen Erlebnispark, dessen erstrebte erhöhte  Frequentierung zu einer zunehmenden Beunruhigung des unmittelbar angrenzenden FFH-Naturschutzgebietes  und des übrigen Waldes führen würde.“

Ein Rotfuchs erholt sich in der Wildtierstation des HTV, bevor er wieder ausgewildert werden konnte.Seltene Gäste im HTV-Tierheim sind Wespenbussarde. Mehr als 100 Arten jährlich nimmt der HTV auf.

Um den Masterplan umsetzen zu können, sucht der Bezirk auch nach Kooperationspartnern. Das Amt hat im Masterplan schon mal eine Liste erstellt, auf dem sich auch der Hamburger Tierschutzverein und das Tierheim Süderstraße befinden – offenbar weiß man in Altona nicht, dass HTV und Tierheim untrennbar zusammengehören. Das Gespräch hat bisher niemand mit uns gesucht. Denn dann hätten wir unmissverständlich klargestellt, dass dieser Masterplan keine Unterstützung durch uns bekommen wird – nicht in dieser Form und auch nicht in einer abgespeckten Variante. Es müsste eine ganz neue Planung her, die sich an den Bedürfnissen der jetzt dort lebenden Tiere orientiert.  

Derweil rühmt sich der „Förderverein Klövensteen“ in einem Vorwort zum Masterplan, dass „alle Beteiligten mit großem Engagement ohne Scheuklappen und vorsorgliche Bedenken gearbeitet“ haben. Hätten sie mal Bedenken gehabt. Dann wäre dieser Masterplan dort gelandet, wo er hingehört – im Papierkorb.

Petition unterschreiben

Weitere Informatinen fidnen Sie auf der Webseite der Initiative "Klövensteen soll leben".

Damwild direkt am Gehegezaun im Klövensteen. Der Bezirk Altona will das Wildgehege zum Wildtierzoo ausbauen – dagegen protestieren immer mehr Bürger.Ein Bild, das traurig stimmt: Statt in der Natur fristet der Uhu sein Leben in einer Voliere im Klövensteen.